Das liebe Geld! Eine Theologin und ein Bankier diskutieren

Die Europäische City-Kirchen-Konferenz hatte Anfang Oktober nach Zürich geladen, es ging um «Geld und Geist». Mit dabei zwei, die sich ganz unterschiedlich am Thema reiben: Der Bankier Konrad Hummler und die Theologin Ina Prätorius. Man diskutierte über Markt und Macht, fragte nach dem Geist des Geldes und erörterte Fluch und Segen von Eigentum. Bemerkenswert, wo überall die beiden Kontrahenten ziemlich einig waren.
Das liebe Geld! Eine Theologin und ein Bankier diskutieren

Theologin und Philosophin Prätorius und Bankier Hummler

Die Theologin und Philosophin Ina Prätorius nimmt Wirtschaft beim Wort: Der Begriff «Ökonomie» bedeute «Gutes Haushalten», aber die Wirtschaftswissenschaften blendeten einen gewichtigen Teil aus, nämlich Care-Arbeit, also all jene Arbeit, die nicht durch Geld abgegolten werde. Häufig übernähmen Frauen diese Arbeiten: Erziehung, Familie, Pflege. Unser Wirtschaftssystem baue auf einer Art Sklavenhaltermentalität auf: Wo ein Teil der Arbeit als wertvoll angesehen und bezahlt werde - und der andere Teil quasi als natürliche Ressource ausgebeutet werde.

Plädoyer für das postpatriarchale Durcheinander

«So kann es nicht weitergehen», fordert die Feministin Prätorius und plädiert für neue Organisationsformen, die sie als «postpatriarchales Durcheinander» beschreibt: Neue Ideen für‘s Wirtschaften für eine gerechtere Welt. Einen Ansatz sieht die Theologin im bedingungslosen Grundeinkommen.

Arbeit und Erwerb neu denken

Auch der Ökonom und ehemalige Bankier Konrad Hummler kann dieser Idee etwas abgewinnen: «Wir werden in Zukunft anders arbeiten, Roboter werden immer mehr übernehmen, unser System von Arbeits- und Kapitaleinkommen müssen wir überdenken». Eine Möglichkeit sei eine pauschale Abgeltung für jeden und jede, ähnlich den heutigen Direktzahlungen in der Landwirtschaft. Soweit sind sich die Theologin und der Ökonom also einig, Knackpunkt dürfte die Höhe eines solchen Grundeinkommens sein.

Kapitalist aus Überzeugung

Bei der Frage nach dem Sinn von Eigentum hört die Einigkeit dann auf. Er sei «Kapitalist aus Überzeugung», so Konrad Hummler. Er macht sich stark für das System von Besitz, freiwilligem Tausch und Kredit: Eigentum sei eine menschliche Konstante, so der Bankier, und wo Menschen die Möglichkeit hätten, Eigentum anzuhäufen und Kredit zu nehmen, würden sie aus der ärgsten Armut befreit. Und das stabilisiere Gesellschaften: Wer nichts hat, hat auch nichts zu verlieren. Kollektivierung - und ein stückweit auch Umverteilung - sind für den Bankier eine Form (staatlicher) Enteignung.

Alles wird gut?

Und dann die grosse Frage nach mehr Gerechtigkeit: Wohlstand für alle, statt Reichtum für wenige. Wie können wir das erreichen? Während die Theologin Prätorius eine Sakralisierung des Geldes beklagt, zeigt sich der bekennende Kapitalist Hummler zuversichtlich: Geld verliere an Bedeutung, es entstehe ein neues Tauschsystem – und dessen Treiber sei die Digitalisierung: Mit dem Handy hätten wir heute das Weltwissen in der Hosentasche. Gerade Besitzlosen und Unterprivilegierten eröffne dies völlig neue Möglichkeiten der Selbstermächtigung.

Die Welt neu denken – da nähern sich der Ökonom Konrad Hummler und die Theologin Ina Prätorius wieder an.

 

Citykirchen sind Kirchen in den Innenstädten, die Angebote für jedermann und jedefrau bereithalten: für Religiöse wie Kirchenferne, für Gläubige und Enttäuschte, Ausgetretene und  Interessierte. Citykirchen bieten ungewöhnliche Gottesdienste, Meditationsformen, Heilungsfeiern oder Seelsorge an, aber auch kulturelle Angebote wie Performances, Konzerte, Diskussionen oder Ausstellungen. In Zürich besteht mit dem Offenen St. Jakob am Stauffacher seit vielen Jahren eine Citykirche. Über 100 Projekte von Citykirchen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz sind seit 2004 in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Netzwerk Citykirchenprojekte zusammengeschlossen.

 

zuletzt verändert: 09.10.2017 10:42
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