Heute im forum: Engel auf Gleis 42

Von einer Begegnung mit Engeln erwartet Rita Inderbitzin weder himmlische Klänge noch sanften Flügelschlag. Die Seelsorgerin in der Bahnhofkirche schätzt Engel als ganz alltägliche Mutmacher. Die Titelgeschichte der aktuellen forum-Ausgabe.
Heute im forum: Engel auf Gleis 42

Engel auf Gleis 42: Wo Bahnhofseelsorgerin Rita Inderbitzin Engeln begegnet

forum: Die Bahnhofkirche befindet sich praktisch direkt unter dem «Schutzengel» im Hauptbahnhof. Was bedeutet das Ihnen?

Rita Inderbitzin: Mir gefällt das. Ich arbeite damit unter einem guten Stern – oder eben unter einem guten Engel. Wir sagen im Team manchmal, der Engel sei unser Kirchturm – auch wenn wir das nicht ganz ernst meinen, denn er gehört der SBB und hat mit der Bahnhofkirche direkt nichts zu tun. Aber er ist für uns ein starkes Symbol.

Wie oft schauen Sie sich den Engel noch bewusst an?

Fast täglich.

Und was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Mir gefällt es, dass er so bunt ist. Er ist ein Magnet, ein Blickfang. Auch ein Kunstwerk, das mich anspricht. Und ich finde es schön, dass damit im Bahnhof ein Zeichen des Beschützt-Seins sichtbar wird.


Manche stören sich daran, dass Niki de Saint Phalle keinen klassischen Engel geschaffen hat…

…und genau das finde ich toll. Dieser Engel durchbricht das übliche Schema. Er ist kein Lichtwesen mit Modellmassen. Er entspricht keinem Schönheitsideal. Ich bin selbst keine kleine, zierliche Frau. Mir gefällt es, einen kraftvollen, lebensnahen Engel über mir zu haben.

Wie reagieren andere Menschen auf diesen Engel?

Als Kunstwerk spaltet er nach wie vor die Gemüter. Und Menschen, die ihn als Schutzengel empfinden, hängen das nicht an die grosse Glocke. Aber ich habe Bekannte, die lieber unter dem Schutzengel abmachen als unter dem offiziellen Treffpunkt. Sie schätzen die Symbolik dabei.

Sie als Theologin gefragt: Gibt es Engel?

Ja!

Wie sehen diese aus?

Schauen Sie in den Spiegel. Sie, ich, wir alle sind Engel. Wir sind es zwar nicht immer. Und manchmal nehmen wir unsere Aufgabe unvollständig wahr.

Der Engel hängt also nicht nur in der Bahnhofshalle. Wir können ihm auch auf Gleis 42 begegnen. Die göttliche Botschaft vermittelt sich in der Begegnung von Menschen. Wir selbst sind aufgefordert, Engel zu sein.

Ich glaube nicht an Engel in weissen Gewändern. Auch nicht an bunte Engel wie jenen von Niki de Saint Phalle. Ich glaube daran, dass die Begegnung mit einem Engel immer und überall möglich ist, wenn wir offen dafür sind. Das kann sogar im Schweigen geschehen.

Dann war der Engel bei Maria kein geflügeltes Wesen?

Natürlich wird er auf allen klassischen Bildern so dargestellt. Aber für mich passt er in kein Schema. Man kann ihn also auch nicht zeichnen. Er ist eine Begegnung mit Gott. Man kann ihn spüren, aber nicht definieren.

Werden Sie in Seelsorgegesprächen auf Engel angesprochen?

Selten direkt. Aber es geht in den Gesprächen oft um Schutz und Segen. Das war eines meiner grossen Aha-Erlebnisse hier in der Bahnhofkirche. Ein Grossteil der Menschen, die zu uns kommen, ist zwar christlich geprägt, hat aber nichts mehr mit der Kirche zu tun.

Ich habe deshalb nicht erwartet, dass ich so oft mit Menschen beten werde. Sie bitten mich um den Segen Gottes, sei es für eine Reise, aber auch für schwierige Situationen. Sie erklären mir dann manchmal, dass sie ausgetreten seien, nicht mehr glauben können, das Beten verlernt haben. Und bitten mich, für sie zu beten. Das hätte ich an diesem Ort nie erwartet.

Weshalb wenden sich die Menschen nicht direkt an Gott?

Wir sind auf ein Gegenüber angewiesen, müssen uns gegenseitig bestärken. Wir haben ein Grundbedürfnis danach, gemeinsam unterwegs zu sein. Wir wollen uns gegenseitig im Glauben bestärken, dass es einen Schutz gibt.

Menschen, die einen Segen oder ein Gebet wünschen, suchen genau dies. Der Segen kommt ja nicht von mir, aber ich soll ihn sichtbar machen, soll die richtigen Worte finden, damit er spürbar wird. Auch Engel machen etwas sichtbar, was im Grunde immer schon da ist.

Die populärsten Engel sind sicher die Schutzengel. Wie halten Sie es mit diesen?

Meine Mutter hatte ein feines Gespür für Schutzengel. Sie hat immer wieder Schutzengel gezeichnet und hatte stets welche auf Karten dabei. Das fand ich als Kind faszinierend und erstaunlich. – Und es hat immer funktioniert! (Lacht schallend.)

Engel waren für meine Mutter ein Ausdruck des positiven Denkens. Sie haben ihr die Freiheit zum eigenen Tun gegeben. Und so hat mir dieser Glaube an Schutzengel ein ganz grundsätzliches Gottvertrauen vermittelt. Auch ich habe einen Schutzengel. Und wie für viele andere Menschen auch ist er in ganz alltäglichen Dingen für mich da, wie auch in schwierigen Momenten.

Der Schutzengel im Bahnhof war ein Geschenk der Securitas. Garantieren Schutzengel Sicherheit?

Selbstverständlich nicht. Ich glaube nicht, dass der Engel den Bahnhof beschützen kann. Auch hier können schlimme Dinge geschehen. Auch meine Mutter musste trotz ihren Schutzengeln Schicksalsschläge verkraften.

Engel sind keine Garantie für ein sorgloses Leben, sondern ein Versprechen, dass ich an den Sorgen nicht kaputtgehen werde. Die Sicherheit, die mir ein Engel verleihen kann, ist das Gefühl, dass ich auch in dunklen Momenten nicht verlassen und verloren bin. Sie begleiten mich, damit ich mir mit Gottes Hilfe selbst zu helfen weiss.

zuletzt verändert: 02.11.2017 16:32