Aktuell im forum: Das Kinderspital als Lebensraum

Ein Zuhause auf Zeit. Der siebenjährige Patrick führt uns durch sein Zuhause auf Zeit: das Reha-Zentrum des Kinderspitals.

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Eigentlich wäre dieser Ort die pure Idylle für Kinder und das perfekte Zuhause: Es gibt Pferde, Hunde, Hasen, Kaninchen und Hühner. Einen grossen Spielplatz mit Sandkiste, verschiedenen Schaukeln und ein Wasserspiel, einen Sportplatz mit Fussballtoren, genannt der rote Platz, eine Kletterwand aussen an der Haus-Fassade sowie eine Indoor-Kletterwand.
Welches Kind hätte dies nicht alles gern bei sich zu Hause? Aber hier, im Reha-Zentrum des Kinderspitals in Affoltern am Albis, ist kein Kind freiwillig. Die Kinder und Jugendlichen sind hier, weil sie Unfälle oder Krankheiten mit schweren gesundheitlichen Folgen erlitten haben. Weil sie zum Beispiel sprechen, laufen oder schreiben mühsam wieder lernen müssen. Für viele Familien mit ihren Kindern wird das Zentrum zum Zuhause – zumindest für die Zeit ihrer Rehabilitation.

Schritt für Schritt
Der 7-jährige Patrick aus einem Dorf bei St. Gallen ist schon gut neun Monate hier, nachdem er bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt wurde. So gut wie immer dabei ist seine Mutter. Monika Agir (33) hat ihren Job in einem Kiosk nach dem Unfall gekündigt: «Am Anfang war es natürlich schwer: Patrick ging es nicht gut. Er hat mit niemandem hier ausser mir geredet. Er wollte nur noch nach Hause und sagte, dass es doch für alle besser wäre, wenn er im Himmel wäre.»
Seitdem hat sich viel verändert: An diesem schönen Frühlingstag läuft Patrick stolz durch das Reha-Zentrum, am linken Bein einen dicken Klotz, eine Manschette, die um einen sogenannten Fixateur externe liegt, der mit Pins von aussen die Knochen im Fuss richtet. Rund drei Dutzend Mal musste der Junge seit dem Unfall operiert werden. Heute ist er das erste Mal ohne Krücken unterwegs.

 

Alle, die dem schmalen, dunkelhaarigen Jungen auf dem Weg in das neue Reha-Gebäude Mäxi-Kubus begegnen, gratulieren, sprechen ihn darauf an und freuen sich sichtlich. Souverän zeigt der Junge den Weg, ruft den Fahrstuhl – «Treppen darf ich ohne Krücken noch nicht steigen» –, grüsst in der Cafeteria. Ein Heimspiel: Ja! Aber auch ein Zuhause?

«Wir fühlen uns wohl und sind gern hier, weil es so viel hilft», erklärt Patricks Mutter. Sie habe Freundinnen im Reha-Zentrum gefunden, die Ähnliches erlebt haben, mit denen sie lachen und auch weinen kann. Auch ihr Sohn habe gute Kollegen gefunden. «Was mich beeindruckt, ist, wie sehr die Kinder sich helfen und unterstützen, wenn eines mal einen schlechten Tag hat.»

In der Physiotherapie schiesst und wirft Patrick einen Ball, schaukelt und balanciert, lächelt in die Runde, geniesst sichtlich die spielerischen Aufgaben der Physiotherapeutin – voller Energie und Lebensmut. «Ich bin wahnsinnig froh, dass Patrick wieder so fröhlich ist», erzählt die Mutter. «Der Unfall und die vielen Fragen dazu haben ihn sehr verändert, auch die enge Betreuung hier. Ich finde, er ist reifer als andere 7-Jährige.»

Viele Mamis
Es ist Zvieri-Zeit in Patricks Wohngruppe. Ein Teller mit Apfel- und Bananen-Stücken steht bereit. Von überall her kommen die Kinder zusammen und setzen sich an den grossen Tisch. «Felix, Enrico, Lino, Federico, Jeremy, Patrick, Dominic», zählt Patrick seine WG-Kollegen und sich selbst auf.
Drei jüngere Frauen aus dem Pflegeteam kümmern sich um sie, fragen, helfen, sind präsent. «Mami», fragt Patrick, «kann ich noch meine Box haben?» Sofort bringt die Pflegerin, die das «Mami» der Wohngruppe ist, die Süssigkeiten-Box, die mit Patricks Namen beschriftet ist, und vergewissert sich noch, dass Patrick auch Obst gegessen hat.

Patricks Mutter Monika Agir sitzt gleich auf dem Sofa daneben: «Das war am Anfang etwas schwer für mich, dass jemand anders hier das Mami ist», gibt sie zu. «Aber mit der Zeit gewöhnt man sich. Das Personal spricht wirklich nonstop mit dir, fragt, wie es geht, erklärt und unterstützt.»
Vom Küchentresen aus hat Pflegedienstleiter Luk de Crom die Situation beobachtet: «Die familienähnlichen Strukturen in der Wohngruppe orientieren sich an den Bedürfnissen der Kinder: spielen, malen, gemeinsam Mahlzeiten kochen.»

Zu den vielen Kindern rund um ihn herum mag Patrick – er ist Einzelkind – nicht viel sagen, sein bester Kollege konnte die Reha vor Kurzem verlassen. Nur so viel: «Man lernt sich hier gut kennen.» Und schiebt dann fast schon abgeklärt, aber sehr glaubhaft hinterher: «Aber mich selbst habe ich auch gut kennengelernt.» Der Junge neben ihm, dessen wenige Haare die grosse Narbe auf dem Kopf kaum verdecken, nickt zustimmend.

Glücklich auf dem roten Platz
Hat Patrick einen Lieblingsort im Reha-Zentrum? Seine Augen strahlen sofort. Das sei der rote Platz, der Sportplatz des Zentrums: «Früher habe ich auch am liebsten draussen mit meinen Freunden gespielt», schiebt er noch hinterher.
Patrick sitzt auf seinem Bett, weg vom Trubel im grossen Zimmer der Wohngruppe mit Esstisch, Töggelikasten, Küche und Sofaecke. Er teilt dieses Zimmer mit drei weiteren Kindern. Er ist umgeben von Kuscheltieren. «Ich habe die Kuscheltiere ausgewählt, als wir im Züri-Zoo waren. Der grosse Dino ist von meiner kleinen Cousine», erzählt er.
Fotos zieren die Wand rund um sein Bett, sie zeigen Ausflüge mit den Eltern, die Cousinen und Cousins. «Was fehlt dir hier am meisten?» – «Papa, Mama und meine Fische», kommt es wie aus der Pistole geschossen. «Am Anfang musste ich viel weinen. Warum weiss ich auch nicht. Aber ich habe kein Heimweh.»

Die meisten Kinder gehen am Wochenende zurück nach Hause zu Eltern und Geschwistern – in die gewohnte Umgebung. Dort sollen sie das im Reha-Zentrum Gelernte umsetzen. Auch Patrick kommt regelmässig an den Wochenenden nach Hause. Für seine Mutter bedeutet das Stress: «Das Mitleid der Nachbarn, die Blicke, das kann ich schwer aushalten. Ich habe gelernt, mit den Folgen des Unfalls umzugehen – die Nachbarn noch nicht. Ich muss aber nach vorn schauen. Im Moment fühle ich mich im Reha-Zentrum fast wohler.»

Die kurze Ruhe im Zimmer auf dem Bett ist vorbei. Energiegeladen springt Patrick, so gut es eben geht, samt schwerem Fixateur an seinem Bein wieder heran: «Mami, können wir auf den roten Platz?» Diesmal ist seine leibliche Mutter gefragt. Monika Agir nickt. Patrick läuft los – zum Töggelikasten, um die dort spielenden Kinder aus seiner Wohngruppe mitzunehmen, raus auf den roten Platz, seinen Lieblingsort im Reha-Zentrum.

Text: Kerstin Lenz, Informationsbeauftragte Katholische Kirche im Kanton Zürich

zuletzt verändert: 14.06.2018 11:27