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Lebenskraft für alle?

Lebenskraft für alle?
Meinrad Furrer

Meinrad Furrer, Beauftragter für Spiritualität von Katholisch Stadt Zürich

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09. Mai 2018

Die „Lebenskraft“ ist eine jährliche „Messe und Kongress für BewusstSein, Gesundheit und Spiritualität“ (O-Ton) in Zürich und zieht regelmässig Tausende von Besucherinnen und Besuchern an. Was steckt dahinter? Meinrad Furrer, Beauftragter Spiritualität Urbane Kirche, nahm einen Augenschein vor Ort. 

Die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils verpflichten uns Christen, alles Wertvolle, das wir bei anderen Religionen entdecken, zu fördern. Gilt dies auch für die Angebote der „Lebenskraft. 30. Messe und Kongress für Bewusstsein, Gesundheit und Spiritualität“?

Ich wollte es mir nicht einfach machen und nur aus Distanz die Esoterik belächeln, wie ich es aus kirchlichen Kreisen nur zu gut kenne.

 

Edelsteine für das gute Gefühl. Foto: Meinrad Furrer

Also ging ich hin. Bereits im Eingangsbereich begegneten mir zu meiner Überraschung zwei Personen, die ich aus dem kirchlichen Umfeld kenne. War es hier doch nicht so anders? Auch die „Lebenskraft“ besuchten mehr Frauen als Männer und der Altersdurchschnitt lag über der Lebenshälfte, wenn auch nicht derart deutlich wie bei kirchlichen Angeboten.

Grundsätzlich aber gab es an der Messe nicht viel Christliches zu entdecken. Ab und an zwar eine Maria. Aber Phänomene wie Engel und Licht waren weitgehend vom christlichen Kontext losgelöst.

Doch da entdeckte ich einen Stand über christozentrisches Heilen. Das Buch, das auflag, beinhaltete auch ein Kapitel mit dem Titel: „Das kraftlose Christentum“. Das sitzt! Nicht weit davon entfernt ein Stand mit einem feuerroten Plakat mit Kreuz und mit dem schreienden Titel: „Jesus ist Sieger“.

Passt das in eine Esoterikmesse? Ja, warum eigentlich nicht!

Die Messe ist eh ein bunter Mix aus allen Zutaten. Es geht um Energien (möglichst lebensbejahend und positiv), Heilung, Gesundheit, Ernährung, Farbe, Licht und Klang. 

Esoterik-Messe

Kunst gab es aus zu sehen. Foto: Meinrad Furrer

Eine Frau befragte ich nach ihrer Motivation für ihren Messestand. Ihre Antwort: „Ich will wirklich den Menschen helfen!“ So, wie sie es sagte, glaubte ich ihr aufs Wort. Ein besseres Leben für die Menschen, das ist wohl tatsächlich Motivation für die meisten an so einer Messe. Gleichzeitig aber schnappte ich auch Sätze auf wie: „Jeder ist seines Glückes Schmid. Mit der Kraft deiner Gedanken kannst du gehen, wohin du willst.“ Das ist die Sprache der Erfolgreichen und irritiert mich genauso wie Jesus als Sieger. 

Das Leben in allen Facetten

Ja, auch ich interessiere mich für Energien. Ja, auch ich möchte mein Potential entfalten und ja, auch ich liebe Licht und Farben. Aber: Ich möchte mein Leben nicht am Erfolg, sondern an den Spannungen und Brüchen entlang begreifen. Ich glaube, dass dort viel vom Göttlichen aufscheint. Und ich bin überzeugt, dass gerade urbane Menschen sich nach Entlastung vom Druck sehen, dass alles harmonisch, perfekt, und erfolgreich sein muss.

Ich entdeckte zu wenig vom Hässlichen des Alltags, vom Leidenschaftlichen, vom Zerbrochenen in diesen Hallen. Ist „Lebenskraft“ schlussendlich eine Messe der gutsituierten Bildungsbürger?

Mit ihnen müssen sich auch die Kirchen die Frage von Franziskus gefallen lassen, wo sie präsent sind an den Orten, wo das Leben brüchig ist. Das schliesst auch mit ein, dass nicht zu vorschnell kritisch über Anderssuchende geurteilt wird. Aus Angst. Denn die sollte auch für uns als Kirche unbegründet sein: Die kraftvollen Traditionen werden sich durchsetzen.

Meinrad Furrer ist Seelsorger und Beauftragter Spiritualität Urbane Kirche Zürich. 

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