Kirche aktuell

Chance mit Freiräumen Kirche und digitale Jugendarbeit

Leiter AKJ Oberland
Stefan Ritz

Stefan Ritz ist Leiter der Animationsstelle kirchliche Jugendarbeit (AKJ) im Oberland.

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Die Corona-Zeit zeigt auf, dass Home-Office geht. Auch die kirchliche Jugendarbeit hat ihre ersten Erfahrungen gemacht. Wie sieht die Zukunft nach Corona aus? Was bleibt aus den Erfahrungen dieser speziellen Zeit. Werden wir einfach wieder in bekannte Arbeitsmuster zurückkehren? Stefan Ritz, Leiter der Animationsstelle kirchliche Jugendarbeit (AKJ) Oberland, wagt einen Ausblick auf ein neues Arbeitsfeld mit Zukunft.
03. September 2020

Der Jugendarbeiter Renato Hüppi hat auf doj.ch (Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit DOJ) in seinem Blogbeitrag geschrieben, dass «Digitale Jugendarbeit» sehr schwer umzusetzen sei. Vieles davon haben wir in der «Home-Office» Phase erlebt. Wir probieren etwas aus, versuchen, testen und probieren weiter. Denn wie Renato Hüppi aufzeigt, lebt die Herausforderung von technischen Schwierigkeiten wie etwa der Frage, welche Arbeitstools geeignet sind. Wie ist das mit dem Datenschutz? Darf ich die Plattform Zoom, welches viele privat nutzen, jetzt auch im Geschäftskontext verwenden? Wie informiere ich die Jugendlichen, die WhatsApp offiziell erst ab 16 Jahren nutzen dürfen, die es aber trotzdem einsetzen, ja selbst die Schule?

Parallelen zum Sommer 2003

Ich erinnere mich, dass die kirchliche Jugendarbeit in der Schweiz im Sommer 2003 in «ähnlicher» Weise herausgefordert war. Zur kurzen Zeitreise gehört, dass uns damals ein sehr heisser Sommer beschieden war. Ich weiss das noch so genau, weil ich in den Sommerferien als Bademeister arbeitete. Alle Jugendlichen strömten in die Badi oder hielten sich bis spät in der Nacht im öffentlichen Raum auf. Leere Jugendtreffs führten dazu, dass sich viele Jugendarbeitende ebenfalls im öffentlichen Raum bewegten. Doch die Regeln und Haltungen waren in der aufsuchenden Jugendarbeit anders als im Jugendtreff. Im Jugendsekretariat St. Gallen entwickelten wir im 2004 ein Fachpapier zu «Aufsuchende Jugendarbeit». Dazu gehört, dass sich Jugendarbeitende an den verschiedenen Treffpunkten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in deren Lebenswelt als Gast bewegen und sich bewusst sind, dass Gäste manchmal ungebeten sind und keine polizeiliche Aufsichtsfunktion haben. Spannend war auch die Diskussion darüber, ob man «zivil» oder mit entsprechender Arbeitskleidung Präsenz markiert. Heute nach 16 Jahren gibt es entsprechende Konzepte für die «Aufsuchende Jugendarbeit».

Jugend digital unterwegs. Foto: Pixabay
Jugend digital unterwegs. Foto: Pixabay


Einmalige Chance für die Kinder- und Jugendarbeit

Aktuell erleben wir ein Auf und Ab von Einschränkungen und Lockerungsphasen. Gleichzeitig bleibt die Ungewissheit, wie lange diese Coronazeit anhält. Nach meiner Einschätzung wird das noch eine Weile dauern. Deshalb sollten wir wie damals die Chance packen und auf die neue Situation mit der Entwicklung einer «Digitalen Jugendarbeit» reagieren. Dazu braucht es Leitplanken und Richtlinien. Von der «Fachgruppe Neue Medien» des DOJ liegt ein Leitfaden für die digitale Arbeit mit Kinder- und Jugendlichen vor, der laufend weiterentwickelt wird. Dazu liegen viele gute Konzepte und Fachbücher wurden entwickelt.

Expertenwissen der Kinder und Jugendlichen nutzen

Ähnlich wie 2003 ergibt sich wieder die einmalige Chance, dass Kinder- und Jugendliche als Experten (Partizipations-Haltung) auftreten und aufzeigen, in welche Richtung sich die Offene Kinder- und Jugendarbeit entwickeln könnte. Denn die Zielgruppe ist mit digitalen Medien aufgewachsen und hat entsprechende Erfahrungen gemacht. Dabei geht es nicht nur um Medienkompetenz und Medienumgang, sondern auch um die Wirkung der «Digitalen Welt» auf die Kinder und Jugendlichen. Welche Erlebnisse sind möglich, und wie werden diese in einem professionellen Rahmen ausprobiert und umgesetzt?

Kirche mit digitalen Freiräumen

«Wir sind Bühnenbauer und Wegbegleiter» - das ist die Haltung der Regionalen Fachstelle für Kirchliche Jugendarbeit im Oberland. Wir wollen Kindern und Jugendlichen digitale Freiräume ermöglichen. Hier können und sollen sie ausprobieren und wertvolle Erlebnisse mitnehmen. Eine sehr schöne Erfahrung hat die Jubla Schar in Rapperswil-Jona mit ihrem «Virtuellen Scharanlass» gemacht. Die Kinder bauten zuhause aus Petflaschen Boote, und das Leiterteam setzte das Rennen in einem Youtube-Live-Stream um – Elemente aus der traditionellen Jubla-Arbeit, kombiniert mit Digitalen Medien.

Jugend und Handy. Foto: Pixabay
Jugend und Handy. Foto: Pixabay

Bewusster Umgang mit Handy

Vor der Corona-Zeit habe ich an zwei Schulen (Mittelstufe- und Oberstufe) einen Workshop zu Nutzungsregeln, Werten und Haltungen für das Handy geleitet. Von einem Profi angeleitet, drehten wir dazu ein Kurz-Video. Das Ergebnis war verblüffend: Die Jugendlichen kamen beispielsweise zum Schluss, dass eine Akkuladung reichen muss für den ganzen Tag oder dass eine WhatsApp-Nachricht keinen hohen Stellenwert hat. Die Jugendlichen gehen recht selbstkritisch mit dem Handy um. Um die Jugendlichen mach ich mir weniger oder keine Sorgen, dann schon eher um uns Erwachsene.

Eine Chance für die Kirche

Die Digitale Jugendarbeit ermöglicht neue Zugänge zu den Jugendlichen und setzt Energie frei für die Kirche von Morgen. Wir können natürlich auch warten, bis die Coronakrise vorbei ist. Die Zeit nach Corona wird aber nicht mehr dieselbe sein wie vorher. Als Leiter vom AKJ Oberland werde ich nicht warten, sondern ähnlich wie 2016 die Chance packen. Damals hatten wir den SpiritChat (WhatsApp Gottesdienst) neu erfunden. Die Entwicklung der Digitalen Jugendarbeit bedeutet eine Chance für die Kirche, wenn sie diese denn nutzen will!

Stefan Ritz
Leiter AKJ Oberland, Jugendseelsorge Zürich
CAS Leadership und Management IAP ZHAW
Soziokultureller Animator FH

Die Veranstaltung «Jugendarbeit in einer mediatisierten Welt» von okaj zürich, Jugendseelsorge Zürich und der reformierten Kirche Zürich bietet Jugendarbeitenden am 10. September eine Standortbestimmung zur eigenen Arbeit.
Der Anlass ist aktuell ausgebucht. Es gibt eine Warteliste.
Kontakt: Christoph Vecko, okaj zürich, christoph.vecko@okaj.ch, 044 366 50 19
Link zur Veranstaltung