Kirche aktuell

Jugendarbeit Der Kirche geht das Personal aus

Leiter AKJ Oberland
Stefan Ritz

Stefan Ritz ist Leiter der Animationsstelle kirchliche Jugendarbeit (AKJ) im Oberland.

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Die Konferenz «Jugendpastoral von Morgen - Who Cares» versammelte rund 45 Fachpersonen aus der kirchlichen Jugendarbeit der Deutschschweiz. Ein brennendes Thema: «Personal-Notstand in der Jugendarbeit». Stefan Ritz, Leiter AKJ Oberland, Jugendseelsorge Zürich, fragt nach möglichen Ursachen.
29. Januar 2020

Die Kinder und Jugendlichen sind unsere Zukunft. Wenn wir nicht in diese Arbeit investieren, wird die Kirche in fünf bis zehn Jahren einen massiven Mitgliedereinbruch haben. Bereits jetzt können offene Jugendarbeitsstellen nicht besetzt werden. Wir haben die Chance, Gegensteuer zu geben, wenn wir das auch wollen.

Animationsstellen Kirchliche Jugendarbeit

Die Regionalstellen AKJ (Animationsstelle Kirchliche Jugendarbeit) der Jugendseelsorge Zürich in den Dekanaten Albis, Oberland, Winterthur und Zürich-Stadt unterstützen die Pfarreien in der Kirchlichen Jugendarbeit. Unterstützung wird auch bei der konkreten Anstellung der kirchlichen Jugendarbeitenden angeboten. In den letzten beiden Jahren merkten wir, dass es schwierig ist, geeignetes Personal für dieses herausfordernde Arbeitsfeld zu finden. Was läuft schief, wo liegen denn die Schwierigkeiten?

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Image der Kirche

Die Kirche hatte 2019 ein schwieriges Jahr. Zusätzlich zum aktuellen Priestermangel wurden weltweit neue sexuelle Übergriffe innerhalb der Kirche bekannt. Diese Enthüllungen haben die Kirche in den Grundfesten erschüttert und in eine Vertrauenskrise gestürzt. Viele Mitarbeitenden hat dies verunsichert (Sinnkrise), und das Image der Kirche hat stark gelitten. Die Katholische Kirche im Kanton Zürich hat darauf reagiert und Massnahmen eingeleitet. Neu muss das Personal einen Strafregisterauszug vorweisen, und es wurden obligatorische Präventionskurse für das Personal aufgegleist.

Zusätzlich zeigt sich in der Statistik der letzten Jahre, dass die Kirchenaustritte zunehmen (siehe Grafik). Im Jahr 2018 waren es rund 5500 Personen im Kanton Zürich. Für 2019 wird eine höhere Zahl geschätzt und in Zukunft werden noch mehr Menschen aus der katholischen Kirche austreten. Dies aus unterschiedlichen Gründen.

 

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Dass es immer weniger Pfarrer und Priester gibt, erleben wir tagtäglich. Durch Seelsorge-Räume und engere Zusammenarbeit der Pfarreien wird versucht, diesem Personal-Notstand entgegenzuwirken. Zudem hilft die aktuelle Reputation der Kirche nicht gerade, neues Personal zu finden. Gutes Personal ist rar und gute Leute möchten/wollen nicht für die Kirche arbeiten.


Tiefe Stellenprozente

In einigen Pfarreien ist es nicht möglich, eine eigene Jugendarbeiterin/einen eigenen Jugendarbeiter anzustellen. Vielfach wird die kirchliche Jugendarbeit in ein Pensum mit verschiedenen weiteren Aufgaben gepackt. Und weil bei den meisten dieser Anstellungen zu viel Aufgaben «reingepackt» werden, kommt die kirchliche Jugendarbeit am Schluss oder «wenn man noch Zeit hat». Zudem bewerben sich professionelle Jugendarbeitende weniger auf tiefe Stellenprozente, weil sie dann noch einen 2. Job organisieren müssen für ein Einkommen, das reicht. Die Koordination in diesem Arbeitsfeld mit zwei Jobs ist schwierig, weil es ja nur einen Mittwochnachmittag oder Freitagabend gibt.


Professionalität bzw. Ausbildung

Immer wieder erleben wir, dass im Arbeitsfeld der kirchlichen Jugendarbeit kein oder wenig qualifiziertes Personal arbeitet. Sicherlich ist es möglich, als Quereinsteiger anzufangen. Im Minimum sollte aber die Ausbildung ForModula «Kirchliche Jugendarbeit» besucht werden.

In der Schweiz haben wir eine tiefe Arbeitslosenrate. Insbesondere im Arbeitsgebiet Jugendarbeit ist der Stellenmarkt deshalb sehr ausgetrocknet, speziell in der kirchlichen Jugendarbeit. Dass sich nicht mehr Personen auf dieses Arbeitsfeld einlassen, hat sicherlich auch mit den nicht geregelten Arbeitszeiten zu tun. Oder der Tatsache, dass Mann/Frau vielfach als EinzelkämpferIn unterwegs ist und selten in einem Team. Sicherlich sind viele Jugendarbeitende in einem Seelsorge-Team eingebunden. Doch bei Entscheidungen und in der täglichen Arbeit sind sie letztlich auf sich selber gestellt. Diese in hohem Masse selbstständige Arbeit kann oder will nicht jeder oder jede umsetzen und manche zerbrechen an den Herausforderungen bzw. Erwartungen von sich selber oder der Arbeitgeberin Kirche.
Zudem werden die Stellen teilweise auch unklar ausgeschrieben und die Bewerberinnen erhalten ein falsches Bild von der zukünftigen Aufgabe. Ein klar erstelltes Profil ermöglicht den möglichen Fachpersonen einzuschätzen, ob sie sich bewerben sollen oder nicht. Im Zweifelsfall lässt man die Bewerbung.

Religionspädagogisches Institut oder Soziokulturelle Animation

Das Interesse einer Ausbildung zur Kinder- und Jugendarbeit hat abgenommen. Dies zeigen neuste Zahlen der Teilnehmenden an den beiden Schulen in Luzern (Religionspädagogisches Institut, RPI und der Hochschule für Soziale Arbeit, HSA). Dass dieser Berufsweg eingeschlagen wird, hat mit der eigenen Sozialisation in der Kirche oder Gemeinde zu tun. Dank guten Erlebnissen als Kind oder Jugendliche in der Pfarrei (z.B. Jungwacht/Blauring, Ministranten) oder in der Schule werden später vielfach Berufe wie Sozialarbeiter, Lehrer oder Jugendarbeitende gewählt. Hier schliesst sich der Kreislauf - durch fehlende Erlebnisse werden es künftig immer weniger.

«Feuer & Flamme»-Erlebnisse

Es sind nicht gerade einfache Knackpunkte. Wir versuchen in den Regionalstellen, die Pfarreien in diesen und weitern Fragestellungen zu unterstützen. Wir hatten bereits viele Erfolgsmeldungen betreffend Stellenbesetzungen. Gleichzeitig verlässt in dieser Zeit aber auch gut qualifiziertes Fachpersonal die Kirche wieder. Dies hat mit den oben erwähnten oder persönlichen Gründen zu tun.
Die Kirche muss wieder Erlebnisse mit «Feuer & Flamme» bei Kindern und Jugendlichen auslösen. Diese Herausforderung stellt sich an die aktuellen und zukünftigen Jugendarbeitenden. Denn die Kinder und Jugendlichen sind unsere Zukunft, ohne sie geht es nicht!


Stefan Ritz
Leiter AKJ Oberland, Jugendseelsorge Zürich
CAS Leadership und Management IAP ZHAW
Soziokultureller Animator FH


www.jugendseelsorge.ch
www.fachausweis-jugendarbeit.ch

 

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Nachdenkliche Jugendliche

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Feuer und Flamme

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Jugendliche und Gemeinschaft