Kirche aktuell

Licht und Schatten in der Sterbegestaltung

Licht und Schatten in der Sterbegestaltung
Hanspeter Schmitt
Professor fuer theologische Ethik an der Theologischen Hochschule Chur THC
Author
10. Dezember 2018

Sinn im Leben und im Sterben finden. Anregungen des Ethikers Hanspeter Schmitt.

Fragen rund um das Lebensende bewegen die Menschen. Das zeigte sich auch in einer ökumenischen Veranstaltungsreihe, die im Heilig Geist Zentrum von Wetzikon stattfand und auf grosse Resonanz stiess. Hoher Informationsgrad, anregende Debatten, gespannte Atmosphäre – drei Abende lang! In meinem eigenen theologisch-ethischen Beitrag wollte ich Chancen und Bedingungen einer positiven Gestaltung des Alterns und Sterbens – der Sterbegestaltung – aufzeigen. Man spürte förmlich, wie ernsthaft sich die Anwesenden mit Situationen und Lebenslagen befassen, die sie früher oder später selbst betreffen werden.

In meiner Vorbereitung habe ich unter anderem einen Forschungsbericht konsultiert, der seit gut einem Jahr die Runde macht und zu denken gibt. Es dreht sich um Ergebnisse, die aus 33 – vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten – wissenschaftlichen Projekten stammen. Gezielt kamen dort unterschiedlichste Aspekte der Gestaltung am Lebensende unter die Lupe, wobei der Schwerpunkt auf Medizin und Pflege bzw. den dafür verantwortlichen Handlungsträgern lag.

Trotz hoher Bedeutung brüchige Infrastruktur

Es überrascht nicht, dass eine so breit angelegte Forschung Licht- wie Schattenseiten der Sterbegestaltung offenlegt. Positiv vermerkt wird beispielsweise das durchgängig hohe Bewusstsein für die Bedeutung des Themas. Gleichfalls im Blick sind gültige Standards, die die medizinisch-pflegerische Qualität, rechtskonforme Praxis und die menschliche Selbstbestimmung und Würde sichern helfen. Deutlich wird zudem, dass der Aufbau von Strukturen und Einrichtungen für die umfassende Versorgung schwerst kranker und sterbender Patienten weiter verfolgt wird: Es gibt eine „Nationale Plattform Palliative Care“, um ihre flächendeckende Implementierung im Gesundheitswesen zu gewährleisten.

Genau hier zeigen sich aber auch Mängel: Die entsprechende Infrastruktur gestaltet sich noch brüchig. In Land- und Bergregionen fehlen einschlägige Institutionen. Überall dringend ist der Ausbau häuslicher Unterstützung, da mehrheitlich der Wunsch besteht, sein Lebensende in vertrauter Umgebung zu verbringen. Damit sind Angehörige und Partner oft bei bestem Willen überfordert.

Wie sollen sie Beruf, Pflege, Familie und steigende Kosten vereinbaren, ohne dabei selbst „unterzugehen“? Neue Konzepte der Pflege- und Alterspolitik werden jetzt gebraucht, etwa nach dem Vorbild skandinavischer Länder!

Hinzu kommen Probleme der Kommunikation zwischen medizinischen Fachabteilungen bzw. Kliniken und Pflegeinstitutionen, Hausärzten und Kliniken, Personal und Patienten. Wieder fehlen nicht Fachkenntnis oder guter Wille, aber eine personelle Ausstattung, die mehr Spielräume für Austausch und Beratung schafft. Es gibt also richtig viel zu tun, um hierzulande humane Qualität in Krise, Krankheit und Sterben für alle zu ermöglichen.

Seelsorge am Krankenbett. Foto: Peter Knup

Hilfe bei Angst und Frustrationen

Ein zentrales Bedürfnis, das diese Studie hervorhebt, wird mit Spiritual Care bezeichnet. Es betrifft die Sorge um das mentale oder seelische Wohl der Patienten und ihrer Angehörigen. Gerade in schwerer Krankheit und Angewiesenheit entstehen Ängste, Frustrationen und bohrende Zweifel, die nach angemessener, auch fachlicher Nähe und Begleitung rufen. Wer hier tätig ist, braucht viel Zeit, emotionale Kompetenz und einen eigenen spirituellen Horizont. Nötig ist die Fähigkeit, sich auf die Suche nach existentiellem Sinn, Lebensbilanz und bleibender Hoffnung einzulassen. Betroffene engagiert zu begleiten, ohne ihnen die eigenen Antworten aufzudrängen, ist mehr denn je gefragt.

Botschaft der Kirche zählt

Diesbezüglich haben die klassischen Kirchen viel geleistet, aber auch viel zu lernen. Ihre Riten und Formeln greifen in Zeiten pluraler Religiosität nicht mehr nahtlos, sind folglich zu vertiefen und nötigenfalls neu zu formen. Zudem sind gute Begründungen wie kommunikative Kompetenzen gefragt: So wird die biblisch-christlich angebotene Hoffnung zu einer echten, auch nachvollziehbaren Chance in verschiedensten Lebenslagen. Gerade die Advents- und Weihnachtszeit soll diese Botschaft verstehbar werden lassen. Gott lässt sich ein. Er ergreift und trägt unser menschliches Dasein: Freude wie Leid, Alltag wie die besonderen Zeiten. Er tut dies rückhaltlos, mit unbedingter Güte. So anerkannt und getragen, werden auch wir einander annehmen und tragen können. Das ist die Botschaft des göttlichen Schalom, der die Schöpfung erfüllen wird. Ihm zu trauen, vermittelt Tatkraft, Mut und Sinn – im Leben wie im Sterben.

 

Prof. Dr. Hanspeter Schmitt ist Inhaber des Lehrstuhls für Theologische Ethik an der Theologischen Hochschule in Chur.