Kirche aktuell

Zum Überleben brauchen wir das alles nicht, aber vielleicht zum Überleben

Zum Überleben brauchen wir das alles nicht, aber vielleicht zum Überleben
M.A. Musikdirektor St. Johann, Rapperswil
Frank Mehlfeld
Author
26. November 2013

Gedanken zur Kirchen- und Orgelmusik zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

„Zum Überleben brauchen wir das alles nicht – aber vielleicht zum Überleben, für etwas über das Alltägliche hinaus, für etwas, das darüber ist und darüber hinausweist…“ Mit diesen Worten hat der ehemalige Domorganist und Domkapellmeister des St. Stephansdoms in Wien, Peter Planyavsky, die Kirchen- und Orgelmusik als ein Kulturgut charakterisiert, das die Seele des Menschen berührt und seine Lebenswelt bereichert.

Musik im Gottesdienst

Klassische Musik – im Besonderen die Kirchen- und Orgelmusik – verbucht am Beginn des 21. Jahrhunderts eine beachtliche Aktualität. Die unerschöpflichen Klänge der grossen Meister entführen uns in eine Welt des Nichtrationalen und greifen somit ein sehr aktuelles und elementares Erlebensbedürfnis auf: Die Tonsprache der klassischen Musik fügt sich in ein Ganzes ein, einen Kirchenraum, der durch Konzert- oder Gottesdienstbesucher belebt wird. Den aus der Alltäglichkeit ihres Lebens kommenden Menschen öffnet die Musik einen Raum des Hörens, Sehens, Betens, Lobens und Klagens und begleitet die Menschen vielleicht noch eine Weile in ihrem Alltag.

Die Musiker sorgen dafür, dass klassische Kompositionen wieder erlebbar, nahbar und fassbar werden für ein breites Publikum. Die Interpreten sind Übersetzer, die der Musik als Kulturgut gegenüber verpflichtet sind. Seit alters loben die Menschen Gott durch die Musik. Sie tun es allein oder in Gemeinschaft mit andern. Sie tun es in volksnah-eingängiger und in anspruchsvoll-klassischer Weise. Sie tun es in schlichten Liedern mit und ohne Begleitung oder in anspruchsvollen chorischen Werken mit Orchester. Es entsteht Nähe und Berührung im Alltag neben grossen Auftritten im Rahmen von Konzertveranstaltungen auch unauffälliger, kleiner, intensiver, z.B. im Kontext eines Gottesdienstes, in dem die Predigt durch eine Bachkantate ersetzt wird, oder durch eine Mozartmesse, die die Handlung unterstreicht – die Komposition an der Stelle eingesetzt, für die diese geschrieben wurde.

Was von den Werken früherer Tage überliefert ist, sind die Noten – Symbole grosser Visionen. Wenn Musiker diese Symbole ohne Übersetzung oder geeignete Instrumente wiedergeben, klingt es schauderhaft. Die Musik muss übersetzt werden. Da lassen sich viele Nuancen verändern, da gibt es Gestaltungsmöglichkeiten. Die gilt es zu nutzen!

Orgelmusik

Hierzu brauchen die Interpreten Instrumente, mit denen alle Nuancen möglich sein können! Schillernde Pastell-Töne, leise Grundstimmen, zarte Schwebestimmen – aber auch gebändigte Kraft und vornehme Gravität braucht es in einem Instrument, das die Herzen der Menschen berühren kann. Und hier sind wir bei der Ästhetik der empfindsam sprechenden Klänge!

Pfeifenorgeln und Menschen haben einiges gemeinsam: Eine Orgel gleicht uns Menschen, weil Atem und Wind sie gleichermassen beseelt – sie zum Klingen bringt. Sogar der Winddruck, der die Pfeifen zum Klingen bringt, entspricht ungefähr dem Druck wenn wir Menschen singen. Selbstverständlich ist die Pfeifenorgel zunächst einmal ein mechanisches Werk und Sie besteht aus Eiche, Fichte oder Tanne, aus Zinn, Leder und Draht – aus hochwertigen Materialen, die die Orgelbauer zusammengefügt haben. Aber wenn das fertige Instrument gespielt wird, dann gleicht die Orgel einem lebendigen Wesen. Der Wind, den der Motor und Blasebalg erzeugt und das Spiel der Organistinnen und Organisten führt zu ihrer Bestimmung: Gott zu loben oder zu helfen, dass Menschen in ihrem Singen getragen und unterstützt werden. Die Kunst des Orgelbaus besteht darin, dass die Orgel auf eine bestimmte Weise beseelt wird und einen Klang entwickelt, der uns berührt, tröstet, ermutigt, ergreift und fröhlich macht.

Häufig muss die Orgel als Instrument zur Verkörperung des Konservativen herhalten. Aber im Laufe der gut zweitausendjährigen Geschichte hat sie beachtliche Wandlungen vollzogen. Die Orgel verbucht am Beginn des 21. Jahrhundert eine ganz eigene Aktualität als mechanisches Instrument: Die Orgel verbindet nicht nur Feinmechanik in höchster Handwerksqualität, sondern sie ist klanglich nach wie vor das vielfältigste aller Musikinstrumente mit natürlicher Tonerzeugung. Mit dem ersten Aspekt fasziniert sie als High-Tech-Produkt, gleichzeitig bleibt sie durch äussere Statik – denn die meiste Bewegung bleibt für den Hörer und Betrachter unsichtbar – ein Mysterium.

Der Deutsche Musikrat titelt die Kirchenmusik als eines der Fundamente kulturellen Lebens in Geschichte und Gegenwart. Im Sinne der UNESCO Konvention zum Schutz und zur Förderung kultureller Vielfalt, bewahrt die Kirchenmusik kulturelles Erbe, fördert künstlerische Ausdrucksformen der Gegenwart und pflegt den Dialog mit anderen Kulturen in Europa.

Frank Mehlfeld M.A.

Musikdirektor St. Johann, Rapperswil