Kirche aktuell

«Hier stehe ich und kann nicht anders!»

«Hier stehe ich und kann nicht anders!»
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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22. April 2016

Die Paulus-Akadamie und das Zentrum für Kirchenleitung an der Universität Zürich hatten Mitte April zwei reformiert beheimatete Journalisten mit der Frage-stellung «Surfen auf dem Zeitgeist? Zur Rolle der Kirche in der Gesell-schaft» konfrontiert. Evelyne Finger, Redaktorin der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und Thomas Ribi, Redaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» wünschten sich gleichermassen Kirchen mit mehr Selbstbewusstsein und mutigeren Köpfen.

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Zur Rolle der Kirchen in der Gesellschaft: Thomas Ribi, Redaktor der NZZ; Béatrice Acklin Zimmermann, Studienleiterin Paulus-Akademie; Evelyn Finger, Redaktorin der Wochenzeitung DIE ZEIT und Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie, Universität Zürich (von links). Fotos: Aschi Rutz

Nachfolgend die persönliche Einschätzung von Thomas Ribi zur künftigen Rolle der Kirchen in der  Gesellschaft.

Surfen auf dem Zeitgeist oder Offenheit für neue Lebensstile? Die Kirchen im Kampf um ihre gesellschaftliche Bedeutung

Was erwarte ich von meiner Kirche? Und was erwartet meine Kirche von mir? Erwartet sie etwas? Und, darf sie überhaupt etwas erwarten? Fast drei Viertel der Stimmberechtigten haben im Mai 2014 Ja gesagt zu den öffentlich-rechtlichen Kirchen. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung findet es richtig, dass Unternehmen, die meist weder religiös noch konfessionell gebunden sind, Kirchensteuern bezahlen müssen.

Das Abstimmungsergebnis hat Staunen hervorgerufen. Und zwar ganz besonders bei den Vertretern der beiden grossen Kirchen. Das Ja kam für viele überraschend. Und noch viel überraschender war die Lautstärke, mit der es ertönte.

Soweit, so gut. Nur tut man sich bis heute schwer damit, das Abstimmungsergebnis für sich auszunützen. Es ist ein Sieg, mit dem man nichts Rechtes anzufangen weiss. Und, ist es überhaupt ein Sieg?

Priester, Gemeindeleiterinnen, Pfarrerinnen und Pfarrer kennen ein ganz anderes Bild. Kein lautes Ja, sondern ein zaghaftes, aber umso wirkungsmächtigeres Nein. Sie stehen zum Teil Sonntag für Sonntag vor leeren Kirchenbänken. Einzelne reformierte Gemeinden haben keine Konfirmanden mehr, und es fällt zunehmend schwer, Kirchenpflegen zu besetzen.

Wo sind die Menschen, die sich eine starke Kirche wünschen, wenn es darum geht, sich selber für die Kirche zu engagieren?

Ist das Ja an der Urne nur ein Ja zum praktischen Dienstleistungsunternehmen Kirche, das vom Kinderhort über den Besuchsdienst für Betagte bis zur Paarberatung eine umfassende Palette von Angeboten für alle Lebenslagen bereithält? Wie lassen sich die Menschen, die der Kirche gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt sind, auch persönlich wieder für die Kirche gewinnen?

Falsche Schlüsse auf richtige Fragen

Die Frage treibt die Kirchen um. Sie suchen nach Antworten, ziehen aber oft die falschen Schlüsse. Vor allem deshalb, weil die Verunsicherung zu tief sitzt. Das zehrt am Selbstbewusstsein. Und das brauchen die Kirchen, gerade jetzt, wo die Mitglieder-Austritte zunehmen und, zumindest auf reformierter Seite die Erträge empfindlich schwinden.

Selbstbewusstsein dürfen sie auch haben. Sie sind nach wie vor Institutionen mit einer hohen Glaubwürdigkeit. Man vertraut ihnen. Und man traut ihnen einiges zu. Nur müssen sie das selber wieder spüren.

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Thomas Ribi.

Vor allem muss ihnen klar werden, dass sie keine Bittsteller sind. Die Kirche ist kein Unternehmen, das auf Kundenfang ist und sich in allem nach den Wünschen potenzieller Kunden richten muss. Sie muss sich nicht jedem Wehen des Zeitgeistes beugen. Aber sie muss sich ihm auch nicht um jeden Preis in den Weg stellen. Was die Form der Verkündigung betrifft, muss sie nicht in eingefahrenen Gleisen verharren – ob im Gottesdienst ein Paul-Gerhardt-Lied, ein Spiritual oder eine Rockballade gesungen wird, ist eine Frage des Anlasses und des Umfelds, nicht mehr und nicht weniger. Und was die dogmatischen Positionen betrifft, muss sich die Kirche klar werden, dass längst nicht alles unverrückbar ist.

Nicht verhandelbar bleiben muss der Kern der Botschaft Jesu – Barmherzigkeit, Nächstenliebe. Die Positionen der römischen Kirche zur Homosexualität oder zum Umgang mit Wiederverheirateten aber sollten als das erkannt werden, was sie sind: keine christlichen Kernbotschaften, sondern moralische Lehren, die einem Zeitgeist verpflichtet sind, allerdings nicht mehr dem heutigen.

Nicht Wohlfühlraum sondern Reflexionsraum

Die Kirche muss sich in mancher Beziehung neu erfinden. Aber sie darf sich nicht verraten. Sie darf sich nicht scheuen, Ansprüche zu stellen. Sie darf von ihren Mitgliedern und ihren Sympathisanten etwas verlangen. Ansprüche stellen muss sie aber auch an sich selber. Und sie muss vor allem eines: die Menschen ernst nehmen. Sie hat es mit selbständigen Menschen zu tun. Und auch wenn sie immer weniger vom Christentum wissen, den Unterschied zwischen Paulus und Petrus vielleicht nicht mehr so genau kennen, und nicht auf Anhieb sagen könnten, was ein Sakrament ist – sie sind kritisch. Und sie reagieren zu Recht empfindlich, wenn sie behandelt werden wie kleine Kinder, denen man nicht zutraut, mit einer christlichen Botschaft fertig zu werden, die in ihrem Kern sperrig ist und uns Menschen viel abverlangt.

Kirche darf nicht zum Wohlfühlraum werden. Sie muss ein Reflexionsraum sein, in dem alles zur Sprache kommen darf. Nur wenn sie die Menschen ernst nimmt, ist Kirche ein verlässlicher Partner, auf den man sich einlässt.

Und nur dann kann die Kirche als gesellschaftliche Akteurin ihre Stimme erheben, zur Vernunft rufen, mahnen oder tadeln, wo sie christliche Grundwerte gefährdet sieht. «Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!», soll Luther auf dem Reichstag zu Worms gesagt haben. Dieses Vertrauen ist den Kirchen zu wünschen. Wir brauchen es!

Zum Autor: Thomas Ribi (geb. 1965 in Zürich) ist Redaktor im Feuilleton der NZZ und Experte für Kirchenfragen.