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Wie funktioniert der Newsroom der katholischen Kirche?

Wie funktioniert der Newsroom der katholischen Kirche?
Aschi Rutz
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06. Februar 2015

Angespannte Ruhe im Newsroom von kath.ch an der Bederstrasse in Zürich kurz vor Mittag. Ich sitze mit am Tisch, wo Werner De Schepper, Übergangsleiter der Redaktion des Katholischen Medienzentrums der Deutschschweiz , die Sitzung mit einer Manöverkritik eröffnet. Ein Beitrag ist nicht richtig eingespeist und verlinkt worden. Exemplarisch wird durchgespielt, wie die verschiedenen News-Beiträge künftig korrekt auf die Plattform kath.ch gebracht werden.

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Werner De Schepper, Übergangsleiter der Redaktion kath.ch. Bild: Aschi Rutz

Alltag im Newsroom
Im Newsroom mit dabei sind fünf Redaktorinnen und Redaktoren sowie der Direktor des Medienzentrums, Charles Martig . Ihre konzentrierten Blicke sind auf Laptops und Bildschirme gerichtet. Ein Telefonanruf wird durchgestellt: «Ja, Sie sind richtig hier. Ich werde Ihnen in einer Stunde zurückrufen.» Die Redaktionssitzung nimmt inhaltlich Fahrt auf, es werden die grossen Themen für die Woche besprochen.

  • Was bietet sich an?
  • Was drängt sich auf?
  • Müssten wir nicht bei den Kirchen nachfragen, wie sie vom aktuellen Wechselkurs (Euro und Franken) betroffen sind?
  • Wer ist an den Solothurner Filmtagen dran?
  • Wo stehen wir mit dem Einholen von Stimmen kirchlicher Kreise zu PEGIDA?
  • Ich kann Dir noch den Link zum gestrigen Beitrag auf Tele M1 geben …

Auf den inhaltlichen folgt der organisatorische Teil der Redaktionssitzung. Der exakte Umgang mit und die Preise von Bildern muss erst noch erarbeitet werden. Kannst Du Dich mit der Vergabe von Schlagwörtern befassen? Und wie steht es mit dem neuen Drucker für alle und der Umstellung der Telefonanlage? Wer einen Bürostuhl braucht, teilt dies bitte der Sekretärin mit. Wer hat sich im Ferienplan noch nicht eingeschrieben?

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Martin Spilker seit 1. Februar im Amt.

Massgebliche katholische Stimme der Deutschschweiz

Der Journalist Martin Spilker leitet die Redaktion des Katholischen Medienzentrums. Zusammen mit Werner De Schepper, der am 1. März 2015 in die Chefredaktion der Schweizer Illustrierten wechselt, baut er die Redaktion im neuen multimedialen Newsroom auf. Charles Martig, der neue Direktor, verdeutlicht die Aufgaben:

«kath.ch soll zu einem eigentlichen Kompetenzzentrum, einer massgeblichen Stimme in der Deutschschweiz werden. Das Medienzentrum nimmt vier Aufgaben wahr, die bisher getrennt verliefen:

  • Hier werden Informationen zu Religion, Politik und Gesellschaft erstellt,
  • verkündigende Sendungen mit Radio und Fernsehen SRF koordiniert,
  • Öffentlichkeitsarbeit für Aktionen und Kampagnen der katholischen Kirche koordiniert
  • sowie Dienstleistungen angeboten.

kath.ch ist damit mehr als eine Agentur oder ein Newsroom, vielmehr ein Kompetenzzentrum für Medien in der digital vernetzten Welt.»

Charles Martig, Direktor Medienzentrum

In diesem Auftrag geht es um Information, Verkündigung, Öffentlichkeitsarbeit und Dienstleistungen . Neben News und Debatten sollen auch Glaube und Verkündigung ihren Platz bekommen. Und bei den Dienstleistungen gibt es neben dem beliebten Stellenmarkt , dem Zugang zu Communiqués , Adressen und Veranstaltungen neu auch attraktiv gestaltete, multimediale Dossiers . Zudem wird die aktive Präsenz auf Social Media einen Schwerpunkt der Redaktion bilden.

Zusammenarbeit über die Sprachgrenzen hinweg

Das Medienzentrum in Zürich ist als Verein organisiert. Mitglieder sind Landeskirchen und Bistümer der Deutschschweiz, aber auch Einzelpersonen. Mitte November 2014 wurde Odilo Noti , promovierter Theologe und Leiter Kommunikation von Caritas Schweiz, als Präsident des Vereins gewählt. Zusammen mit dem Vorstand und dem Direktor übernimmt er die strategische Führung des neu gegründeten Katholischen Medienzentrums.
Die drei Medienzentren in Zürich, Lausanne und Lugano handeln im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz und der mitfinanzierenden Institutionen als Verbund. Bei Letzteren handelt es sich um alle Kantone, welche in der Römisch-katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) zusammengeschlossen sind.

«Es gibt ein nationales Rahmenstatut, in dem die publizistischen Grundlinien und der Auftrag der SBK festgehalten sind. Wichtig ist auch ein eigenes Redaktionsstatut, in dem die Unabhängigkeit der journalistischen Arbeit der Medienzentren garantiert ist. Das trägt wesentlich zur Glaubwürdigkeit unserer Arbeit bei», ist Charles Martig überzeugt.

«Mit dem Start der Medienzentren gibt es erstmals in der Schweiz ein gemeinsames Logo für die katholische Medienarbeit in der Schweiz und ein gut abgestimmtes Vorgehen. Hier lebt die Kirche eine schweizerische Solidarität, die über die Sprachgrenzen hinweggeht und ökumenisch ausgerichtet ist.»

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Direktor Charles Martig in seinem Büro. Bild: Werner Rolli

2015 als Jahr des Aufbaus

Vieles ist neu, ungewohnt und muss sich erst einspielen seit der Einweihung des Medienzentrums am Dreikönigtag 2015 in Anwesenheit des Medienbischofs Alain de Raemy. Das neue Katholische Medienzentrum fasst die bisherigen Aktivitäten der Presseagentur kipa, der Internetpublizistik von kath.ch sowie der Radio- und Fernseharbeit mit srf zusammen. «Wir haben jetzt den Newsroom eröffnet. Die neuen Angebote von kath.ch und kath.ch Pro (früher kipa) sind gut unterwegs», bilanziert Charles Martig nach rund einem Monat.

«2015 wird ein Jahr des Aufbaus und der Entwicklung für kath.ch. Die nächsten Schritte sind Verhandlungen mit Medienkunden, innerkirchliche wie säkulare, damit wir attraktive journalistische Produkte anbieten können. Wir entwickeln zudem neue Angebote wie prominente Stimmen und Gastkommentare, Live-Videostreams aus dem Stundengebet eines Klosters und multimediale Themendossiers.»

Direktor Martig ist davon überzeugt, dass für das Medienzentrum die Beziehungen zu Bistümern, Kantonalkirchen und Hilfswerken von entscheidender Bedeutung sein werden. «Der leitende Redaktor Martin Spilker und ich werden im Verlauf des 1. Halbjahres 2015 alle diese Partner besuchen, um Kooperationsprojekte aufzubauen. Ein wichtiges Anliegen ist mir auch die Zusammenarbeit über die Sprachgrenzen hinweg. Die Redaktionen von kath.ch, cath.ch und catt.ch tauschen sich regelmässig aus, und die Direktoren der drei Medienzentren haben bereits eine sogenannte“Direktorenkonferenz“ aufgebaut, in der wichtige Fragen der Entwicklung der drei Medienzentren und gemeinsame Projekte besprochen werden.»

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Technisch und organisatorisch noch in einem Provisorium: Newsroom heute an der Bederstrasse 76 in Zürich. Bild: Aschi Rutz

Erfolgversprechende Tagesgeschichte

Charles Martig zum Start des neuen Medienzentrums: «Technisch und organisatorisch sind wir noch in einem Provisorium. Der Newsroom existiert, ist aber noch nicht voll aufgebaut. Das zeigt sich unter anderem an den eher chaotisch herumliegenden Stromkabeln. Schwierig war der grosse Mediendruck, der seit dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ zu spüren ist. Bereits am zweiten Arbeitstag der neu formierten Redaktion kam es zur „Feuertaufe“. Alles musste innerhalb kürzester Zeit funktionieren, obwohl viele Redaktionsprozesse noch erarbeitet und verfeinert werden müssen. Erschwerend kam hinzu, dass der neue leitende Redaktor, Martin Spilker, erst am 1. Februar 2015 voll in die Redaktion einsteigen konnte. Seine Stelle hat Werner De Schepper mit sehr grossem Engagement eingenommen. Er coacht die Redaktion und tritt als Produzent auf.» Andererseits ortet Martig auch sehr viel Erfreuliches. «Das Thema „Islam in der Schweiz“ ist zu einem Dauerbrenner geworden und ist natürlich eine Chance für die Redaktion, sich bei diesem Thema zu profilieren. Positiv stimmt uns auch, dass wir mit dem Konzept der „Tagesgeschichte“, einem Schwerpunkt auf kath.ch, den wir jeden Tag neu setzen und mit zusätzlichen Bildern, Texten, Videos und Informationen anreichern, gut vorankommen. Wir können derzeit aus dem Vollen schöpfen.»

Deutlich stärkere Wahrnehmung von kath.ch

Als neuer Direktor des katholischen Medienzentrums ist für Charles Martig einiges anders geworden.

«Der Wechsel vom Leiter Katholischer Mediendienst zum Direktor von kath.ch bedeutet zuerst einmal eine grössere Verantwortung : Das Personal hat sich verdoppelt, die Budgets sind umfangreicher geworden. Zudem ist der Druck gewachsen, zusätzliche Erträge zu erwirtschaften. Ich bin als Direktor nicht nur für die Geschäftsführung zuständig, sondern habe auch die Programmleitung bei mir. Deshalb bin ich auch in der Redaktion präsent, setze zusammen mit der Redaktionsleitung Themen, suche publizistische Partner, vermittle Kontakte und kirchlich-theologisches Know-How an die Redaktion und schreibe eigene Artikel auf kath.ch. Zudem konzipiere ich gemeinsam mit dem neuen Video-Redaktor auch Film-Beiträge. Die Arbeit des Direktors ist damit inhaltlich interessanter geworden.»

Charles Martig verhehlt nicht, dass die Vorbereitung für den Neustart und die ersten Monate auch für ihn eine enorme Belastung sind. «Da der neue Social Media Manager erst am 1. März bei uns einsteigt, habe ich für die Monate Januar und Februar die Betreuung von Twitter und Facebook von kath.ch übernommen. Das Monitoring und das Community Management ist ein Job, der über 7 Tage die Woche geht. Seit 1. Januar arbeite ich jeden Tag online. Das bedeutet für mich in der Startphase eine enorme Präsenz im Medienzentrum und in den digitalen Kanälen von kath.ch. Als Belohnung sehe ich eine deutlich stärkere Wahrnehmung unserer Arbeit, sowohl in der Medienbranche als auch in der Kirche.»

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Bederstrasse 76, Zürich: Bis Mitte 2015 noch Domizil von kath.ch.  Dann geht’s an die Pfingstweidstrasse in den Kulturpark. Bild: Aschi Rutz

Umzug an die Pfingstweidstrasse als grosse Chance

Im Sommer ist mit dem Umzug der Redaktion von der Bederstrasse 76 in den aufstrebenden Westen der Stadt an die Pfingstweidstrasse 10 in Zürich nochmals Aufbruchstimmung angesagt.

«Im Kulturpark haben wir die notwendige Innenarchitektur, um wirklich im Newsroom-System zu arbeiten. Zudem sind wir am neuen Ort in direkter Nachbarschaft zu unserer reformierten Partnerorganisation. Da ergeben sich mittelfristig gute Möglichkeiten, die Kräfte zusammen noch mehr zu bündeln, vor allem, weil wir mit ref.ch auch ein Partnerportal haben.»

Eine zusätzliche Bereicherung und Zusammenarbeit erhofft sich Martig auch vom Umzug der Paulus Akademie a n die Pfingstweidstrasse. «Mit der neuen katholischen Stadtakademie haben wir bereits Kontakte geknüpft, um im Herbst einen gemeinsamen Tag der offenen Tür zu organisieren.»

«Die Paulus-Akademie bedeutet für das Medienzentrum eine grosse Chance, Ereignisse zu verfolgen, Persönlichkeiten zu treffen und journalistisch zu verwerten.»

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Bild: Werner Rolli

Charles Martig (49), ist in Brig-Glis aufgewachsen, hat in Fribourg Theologie und Medienwissenschaften studiert und mit einer Arbeit über das Filmwerk von Lars von Trier promoviert. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, lebt in der Stadt Zürich und ist Mitglied der Pfarrei Dreikönigen. Zu seinen Leidenschaften zählen nicht nur die aktive Bespielung und Nutzung von Social Media-Instrumenten wie Twitter, Facebook, Instagram, sondern auch japanische Kampfkünste wie Jodo, Iaido oder Aikido. Als Ausgleich zur Arbeit mit Computer und Smartphone gönnt er sich Krafttraining bei Kieser und Weiterbildung an der Académie de vin.