Kirche aktuell

Wie Freude mit einem Lächeln geht

Wie Freude mit einem Lächeln geht
Behindertenseelsorge
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09. Juni 2015

Mit ernster Miene sitzen wir an einem Festtag auf unserem Platz in der Kirche. Ein Jubelpsalm wird vorgetragen oder im Wechsel gelesen oder gar gesungen.  „Halleluja“, murmeln wir etwa im Chor, die Köpfe tief über das Gesangbuch geneigt, „Lasst uns jubeln dem Herrn.“ Kennen Sie diese Situation? Ganz ehrlich – Selten genug befolgen wir unsere eigene Aufforderung.

Ein ernstes Hallelujah? Geht nicht!

Anders ein Gehörlosen-Gottesdienst mit Gebärdensprache: Schon die Gebärde für „Jubeln“ öffnet Arme schwungvoll nach oben, reisst den Blick und manches Mal wohl auch die Seele in die Höhe: „Lasst uns jubeln dem Herrn.“

Das Körper-Gebet lässt die Freude an Gott spüren.

Stolz auf die eigene Kultur

Eng verknüpft mit der Gebärdensprache ist die Gehörlosenkultur. Denn Gehörlose nehmen sich nicht (nur) als Menschen wahr, denen etwas fehlt. Im Gegenteil: Viele gehörlose Menschen sind stolz auf ihre Sprache und Tradition mit eigener Geschichte, eigener Poesie, eigenen „Heldinnen und Helden“ im Kampf für die Gleichberechtigung und Anerkennung der Gehörlosen.

Lassen wir uns als Kirche bereichern!

Als Katholische Kirche dürfen wir uns vom Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils inspirieren lassen. Und dieses hat in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes klargemacht: Die Kirche ist mit ihrer Botschaft nicht nur in die Welt gesandt, sondern die verschiedenen Kulturen bereichern ihrerseits auch die Kirche (GS 58).

Worin aber könnte nun diese Bereicherung der Kirche durch die Gehörlosen-Kultur bestehen? Im Folgenden werde ich drei Gedanken vorstellen, die mich in den letzten drei Monaten beschäftigt haben.

Leib und Seele klingen zusammen

Die Gebärdensprache fordert und fördert die Präsenz und Sammlung eines Menschen: Leib und Seele bilden eine Einheit und klingen im Idealfall zusammen. Ein Gedanke, eine Mitteilung bleibt keine schnell verklungene Information, sondern „wird Fleisch“ und nimmt seinen Platz im Raum ein.

Begriff und Inhalt klingen zusammen

Anders als bei der Lautsprache ermöglicht es die Gebärdensprache schon mit dem Wort selber inhaltliche Aspekte zu transportieren, manchmal sogar das Wesentliche des bezeichneten Begriffs aufscheinen zu lassen.

Ich mache ein Beispiel: Das Wort Blume. Wenn wir: „Blume“ sagen, dann haben die Laute des Begriffs natürlich gar nichts mit der realen Pflanze zu tun. Bei der Gebärde ist das anders: Für den Begriff Blume halten Sie die linke Hand vor ihren Brustkorb, als würden Sie ein Glas Wasser halten. Sie legen die Finger der rechten Hand zusammen und bewegen sie durch das „Rohr“ der linken Hand nach oben. Dabei lassen Sie die rechte Hand aufblühen: Die Finger werden auseinandergestreckt.

Der Begriff birgt also schon da Geheimnis einer Blume in sich: Zuerst noch verborgen wächst sie in der Erde heran. Dann reckt und streckt sie sich dem Himmel entgegen. Schliesslich öffnet sich die bisher heimliche Schönheit für Besucher und Bewunderer. Alles das zeigt schon die Gebärde, der Begriff. Die Blume gewinnt nur schon bei ihrer Erwähnung leibliche Präsenz. Ohne erst ein Gedicht schreiben zu müssen, birgt die Gebärdensprache schon eine grosse Poesie in sich.

Zu beachten bleibt allerdings: Die Gebärdensprache ist keine Pantomime. Viele Begriffe werden auch abstrakt gebärdet.

Äusserlichkeit und Innerlichkeit klingen zusammen

In der Gebärdensprache zählt allerdings nicht nur die Handbewegung: Auch der Mimik kommt ein hoher Stellenwert zu. Fröhliche Gebärden erfordern ein fröhliches Gesicht; das Umgekehrte gilt, wenn es etwa darum geht, auszudrücken: „Das mag ich nicht.“ Und das Böse (im Vaterunser ) wird mit einer Fratze dargestellt.

Diese lebendige Mimik fordert und fördert ein gewisses Einfühlungsvermögen. Um innerliche und emotionale Aspekte des Gesagten im Gesicht wiedergeben zu können, braucht es sicherlich die Offenheit, sich auch darauf einzulassen, Leib und Seele auch in dieser Hinsicht zusammenspielen zu lassen.

Ich denke, gerade dieser Aspekt ist für die christliche Spiritualität wichtig: Das christliche Ideal ist nicht der stoische Gleichmut, sondern ein Sich-Einlassen auf Gott und die Welt.

Ratlos und mit gerunzelter Stirne frage ich meine gehörlose Arbeitskollegin Regula Eiberle: „Freude und Leben – Das ist doch genau die gleiche Gebärde.“ Regula antwortet mir: „Schau auf das Gesicht: So geht Freude.“ Mit der Gebärde strahlt mich fröhlich an. Eigentlich völlig klar: Freude geht mit einem Lächeln.

Gehörlosenseelsorgerin Ines Bolthausen

Gehörlosenseelsorgerin Ines Bolthausen

Ines Bolthausen ist seit Februar 2015 Gehörlosenseelsorgerin im Auftrag der Behindertenseelsorge der katholischen Kirche im Kanton Zürich