Kirche aktuell

Welches Feuer ein Pfingstbrief entfachen soll

Welches Feuer ein Pfingstbrief entfachen soll
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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22. Mai 2015

Was bewegt Generalvikar Josef Annen dazu einen Pfingstbrief zu schreiben? Welches Feuer will er da entfachen? Beatrix Ledergerber vom forum, dem Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zürich hat nachgefragt.

Soll ihr Pfingstbrief die Kirche aufwecken?

Auch unserer Kirche, konkret im Generalvikariat Zürich-Glarus, ist das Feuer des Heiligen Geistes geschenkt. Es brennt im Herzen eines jeden Menschen, unabhängig von Herkunft und eigener Vorleistung. Mir geht es darum, dass wir uns von diesem Feuer ergreifen lassen und es wie in einem Fackellauf durch die Welt tragen. „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen …“ sagt Jesus.

Unser Land wird weltweit als das glücklichste bewertet. Aber es ist nicht leicht, im Wohlstand wach zu bleiben und sich nicht bequem einzurichten. Das gilt auch für unsere Kirche.

Materiell und personell sind wir gut aufgestellt. Kirchen und Pfarreizentren sind bestens eingerichtet, die Löhne der Angestellten gesichert. In dieser Situation nicht zu verbürgerlichen, den Schrei der Armen zu hören und das Feuer Jesu am Brennen zu halten, ist eine grosse Herausforderung.

Sie gehen als Erstes auf die Situation der Flüchtlinge ein.

Die Not der Menschen, die an den Grenzen Europas stranden, ist dramatisch. Manchmal möchte ich nicht hinschauen, wenn ich die Bilder in Zeitung und Fernsehen sehe. Wir kommen hier alle an unsere Grenzen. Aber Jesus sendet uns  an die Ränder des Lebens, zu den Menschen, die um ihr Überleben kämpfen. Tun wir, was uns möglich ist, um diese Not zu lindern? Das ist die Frage.

Im Kanton Zürich gibt es immer mehr Katholiken aus aller Welt. Sprachliche und  kulturelle Unterschiede sind aber nicht so einfach zu überwinden.

Wir zählen in der Stadt Zürich 21 anderssprachige Missionen. Wer einmal die englisch- oder spanischsprachige Mission oder die französischsprachige Pfarrei besucht, stellt fest: Das Christentum aus Afrika, Asien, Südamerika ist bei uns angekommen.

Allein in der englischsprachigen Mission versammeln sich Sonntag für Sonntag Katholiken und Katholikinnen aus über 70 Nationen. Das ist Bereicherung und Herausforderung zugleich; geht es doch darum, miteinander eine vielsprachige und multikulturelle Glaubensgemeinschaft zu bilden. Aber so war es schon damals an Pfingsten in Jerusalem.

Da versammelten sich Gläubige verschiedener Sprache und Kultur. Und die Apostel haben gleich die Griechen, die in Jerusalem Ausländer waren, zu Diakonen bestellt. Alle Leute aus dem Kreis des Stephanus waren griechischer Sprache und Kultur. Sie sprachen nicht hebräisch, waren keine Einheimische. Unserer  Kirche ist das „Multikulti“ in die Wiege gelegt.

Glaube und Leben, diakonisches Wirken und liturgisches Feiern sollen verbunden sein. Was muss sich in unseren Gottesdiensten ändern?

In der Karwoche habe ich im Radio eine Sendung über eine Zürcher Pfarrei gehört. Ein Mitglied des Kirchenchores sagte: Ich singe gerne. Darum wollte ich im Kirchenchor mitmachen. Aber es ist nicht bei der Freude am Singen geblieben. Inzwischen freue ich mich auch auf das, was der Pfarrer macht und sagt. Er spricht so aktuell vom Evangelium, dass ich jedesmal etwas mit in die neue Woche nehmen kann.

Liturgie ist nicht einfach Deklamation von theologischen Richtigkeiten und Lehre. In der Liturgie feiern wir das Leben, das Gottes Heiliger Geist damals gewirkt hat und was er auch heute tut. Was er heute unter uns wirkt, darf auch im Gottesdienst Raum bekommen.

Was hätten hier beispielsweise sozial engagierte Frauen und Männer nicht alles zu erzählen?

Papst Franziskus hat ein ausserordentliches Heiliges Jahr unter dem Motto «Barmherzigkeit» ausgerufen.

Menschliche Nähe erweist sich in der Barmherzigkeit, die andere durch uns erleben. Dies ist die tiefe Überzeugung und Praxis von Papst Franziskus. Barmherzigkeit nimmt sich des Menschen an und hört aufmerksam zu. Sie ist fern von unnachgiebiger Gesetzesstrenge oder  lässigem Herunterspielen der Probleme.

Wir sind  keine «Kontrolleure der Gnade» und «keine Zollstation», sondern «das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.»   (Evangelii Gaudium 47).

Dass wir immer mehr in diesem Sinne Kirche sind, das möchte ich mit meinem Pfingstbrief an die Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie an alle Mitarbeitenden und freiwillig in der Pastoral oder in christlichen Gemeinschaften tätigen Menschen anregen.

 

Der Pfingstbrief „Weite – Nähe – Tiefe. Miteinander hier und heute christlich leben“ kann online heruntergeladen oder als gedruckte Broschüre im Generalvikariat bezogen werden: generalvikariat@zh.kath.ch oder Telefon 044 266 12 66

Das Interview mit Generalvikar Josef Annen erschien im forum Nr. 11/2015