Kirche aktuell

Weihnachten: stillhalten und retten lassen!

Weihnachten: stillhalten und retten lassen!
Spitalseelsorgerin, Sprecherin "Wort zum Sonntag"
Nadja Eigenmann
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26. Dezember 2014 / 3 Kommentare

„Sie müssen keine Angst haben, ich bin vom Rettungsdienst und möchte Ihnen helfen.“ So in etwa stellt sich der Rettungssanitäter oder die Rettungssanitäterin bei einem Einsatz vor.

Der Rettungsdienst kann einem Menschen, so banal es klingen mag, nur helfen, wenn die betroffene Person sich nicht wehrt und helfen lässt. „Christus, der Retter ist geboren.“ Wie können wir dieses Geheimnis der Heiligen Nacht verstehen?

 Christus, der Retter ist geboren

„Fürchtet euch nicht! Lasst euch von Christus retten!“ So könnte man die Botschaft des Engels im Evangelium zusammenfassen.

Manchen von uns wird der Weihnachtsabend zu schnell vorbeigegangen sein, um wirklich zu begreifen, was die Botschaft des Engels bedeutet. … und dann singen die anderen Engel noch:  „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede bei den Menschen guten Willens.“

Wer sich in einer glücklichen Situation befindet, wird diese Botschaft als Frohe Botschaft leichter verstehen. Die Rettung, das Heil hat ja bereits im eigenen Leben Fuss gefasst. Es geht mir gut. Ich habe keine gesundheitlichen Beschwerden. Mein Privatleben ist im Lot.

Wer sich aber mies fühlt, Angst hat oder traurig ist, kann nicht unbedingt in das Lobgebet der Hirten bei ihrer Rückkehr von der Krippe einstimmen. Jeder und jede von uns hat einen ganz persönlichen Blickwinkel auf das Kind in der Krippe.

Aber ich bin überzeugt, dass Christus als stiller Retter bei denen ist, die Angst haben, Todesangst, die verzweifelt sind, vor lauter Sorgen nicht schlafen können, traurig sind und ausgebrannt! Christus sieht zu und hört zu. Christus sieht die Tränen und hört das Schluchzen.

Weihnachten ist keine pure Krippenromantik bei Kerzenschein

Schon am 2. Weihnachtstag, am 26. Dezember, legt die katholische Kirche in der Liturgie ihr weisses Festgewand ab und kleidet sich in rot, die Farbe des Blutes: Es ist der Gedenktag des Heiligen Stephanus. Stephanus war ursprünglich Heide und dann in der Urkirche Diakon. Er wurde wegen seiner Überzeugung, dass Jesus der Retter aller Menschen ist und sein Friede allen Menschen guten Willens gilt, aus Neid und Hass von extremen Judenchristen -wohl bemerkt: Christen! – an den Hohen Rat ausgeliefert und dann zu Tode gesteinigt.

Für mich ist so ein Stephanus-Tag dieses Jahr bereits im Advent, am 16. Dezember, gewesen: Aus Hass und Rache haben radikal-muslimische Taliban in Pakistan Schüler, Schülerinnen und Lehrer – gläubige Muslime – in ihre Gewalt gebracht. Über 150 Geiseln haben sie ermordet, die meisten davon sind Kinder.

Weihnachten ist der Beginn eines Weges von der Krippe zum Kreuz, das ist „eine schwere und ernste Wahrheit“ (Edith Stein).

Weihnachten bei Licht betrachtet

Aber auf diesem Weg liegen viele ermutigende und rettende Begegnungen mit Jesus, auch das Abendmahl, der neue Bund, den Jesus uns zum Zeichen seiner Gegenwart geschenkt hat.

Weihnachten ist der Beginn einer wahren Rettungsgeschichte und kein Weihnachtsmärchen.

Weihnachten bei Licht betrachtet, heisst:

  • Sich vom auferstandenen Christus retten lassen.
  • Die eigene Lebensgeschichte mit allen Verletzungen und Enttäuschungen Christus hinhalten, ihm offenlegen,
  • sich nicht wehren,

damit Christus heilend wirken kann, damit Christus erlösen kann.

Hier im Spital erlebe ich das Zusammenspiel von Menschen und Gottes Kraft.

Ich erlebe, dass Rettung der Weg einer Heilung von Krankheiten, Knochenbrüchen, Sehnenrissen, sichtbaren und unsichtbaren Wunden ist.

Ich erlebe auch, dass Rettung durch Gott Erlösung von Schmerzen und Leiden im Sterben bedeutet: Wie diesen Sommer bei dem schwerkranken, einsamen Alkoholiker, den die Rettungssanitäter zu uns brachten. Das Ärzte- und Pflegeteam auf der Intensivstation hat für ihn das Bestmögliche getan, um seine körperlichen Leiden zu lindern. Er spürte, dass er mit Achtung gepflegt wurde. … Als ich ihn kennenlernte, bedankte er sich jedes Mal, wenn ich ihm den kühlen Waschlappen auf die Stirn legte. Er wollte mit mir beten, was er unter grosser Anstrengung tat.
4 Stunden später ist er gestorben. – Haben wir doch vorher im „Vater unser“ darum gebeten: „erlöse uns von dem Bösen“ oder man könnte sagen: „errette uns von dem Bösen“.

„Fürchtet euch nicht, Christus, der Retter ist geboren!“

Wir müssen nur still halten und bereit sein, uns von ihm retten zu lassen.

Wir müssen nur still halten und diese Gnade – dieses Geschenk der Heiligen Nacht – von Gott annehmen.

 

Weihnachtspredigt am Morgen des 26. Dezembers 2014 im See-Spital Horgen