Kirche aktuell

Was die Kirche von Bergen lernen kann

Was die Kirche von Bergen lernen kann
Arnold Landtwing
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18. August 2015 2 Kommentare

Bei perfektem Bergwetter zog ich frühmorgens los. Der Aufstieg zur SAC-Hütte ist mir vertraut und bald gewinne ich in einem meditativen Schreiten rasch an Höhe. Das taufrische Waldstück liegt bereits hinter mir und der immer schmaler werdende Pfad schlängelt sich jetzt durch eine wilde Landschaft knorriger Föhren auf Hüfthöhe.

Bergweg

Bergweg

Orientierungshilfen durchs Labyrinth

Und plötzlich geht gar nichts mehr. Vor mir türmen sich meterhoch Felsblöcke und Schutt. Dahinter plätschert nicht mehr ein feines Rinnsal, sondern klafft ein fast zehn Meter senkrechter Abgrund und rauscht ein wilder Bergfluss talwärts. Ein Unwetter ist durch das Tal gezogen, hat schwere Verwüstungen verursacht und das Gesicht der Natur völlig verändert.

Verschütteter Weg mit Steinmandli

Verschütteter Weg mit Steinmandli

Obwohl in der riesigen und steilen Schutthalde keine Wegspur zu erkennen ist, weiss ich, wo es weitergeht: kleine Steinmännchen geben Orientierungshilfe und zeigen an, wo andere Berggänger bereits einen sicheren Weg durch das Steinlabyrinth und zum Überqueren des Flusses gefunden haben.

Was der Berg die Kirche lehrt

Bekannte und vertraute Wege existieren nicht mehr, die Umstände zwingen mich, neue zu suchen und zu gehen. Auch diese führen mich zum Ziel, wenn auch unter erschwerten und gefährlicheren Bedingungen.

Diese Erfahrung aus den Bergen ist auch ein Bild für das, was derzeit in der Kirche passiert. Ausgetretene und vertraute Pfade führen nicht mehr zum Ziel. Vieles ist verschüttet. Mediale Stürme wüten und verursachen grossen Schaden an Glaubwürdigkeit und Ansehen der Kirche.

Bei näherem Hinsehen beschäftigen wiederkehrend die gleichen Grundfragen

  • des Sakramentenempfangs von wiederverheirateten Geschiedenen
  • des Umgang mit verschiedensten Formen des Zusammenlebens bis hin zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften
  • des Umgangs mit Homosexuellen
  • Nachdenkens und Redens über kirchliche Sexualnormen

Die Zeichen der Zeit erkennen

Ein Blick in die Tradition der Kirche zeigt, dass der Glaube dort bestehen kann, wo er das Gespräch mit der Vernunft sucht.

„Zukunft hat ein Glaube, der die vom Konzil geforderte Wahrnehmung der Zeichen der Zeit ernst nimmt. Dazu gehört der offene Dialog über wissenschaftliche Erkenntnisse zur Anthropologie, insbesondere zur Sexualität des Menschen, das Wahrnehmen der heute gelebten Familienvielfalt sowie der Respekt vor anderen Lebensentwürfen. Der von Papst Franziskus angestossene synodale Prozess zu Ehe und Familie weist in diese Richtung.“ Generalvikar Josef Annen

Wer heute mit wachen Sinnen in den Bergen unterwegs ist, macht die Erfahrung, dass der Klimawandel sich auswirkt: Wege sind unpassierbar oder verschüttet und an vielen Stellen herrscht plötzlich Steinschlaggefahr.

Da empfiehlt sich für die Kirche aus den Erfahrungen in den Bergen zu lernen: es gibt einen Weg, der zum Ziel führt. Er muss jedoch neu gesucht werden, ist mühsamer und vielleicht sogar gefährlicher. Das ist nichts Neues, aber in unserer Zeit, in der Entwicklungen sehr schnell vor sich gehen, stellt sich diese Frage, wo der Weg weitergeht in neuer Heftigkeit.

Was die Kirche dringend braucht

Jammern, Lamentieren und mit dem Finger auf einer alten Landkarte auf eingezeichneten Wegen beharren, bringt nicht weiter, wenn die Landschaft sich verändert hat und die Wege nicht mehr vorhanden sind.

Was wir in unserer Zeit und Kirche dringend brauchen, sind wache Menschen, die in einer unübersichtlichen Situation Verantwortung übernehmen, mutig vorangehen und zeigen, wo der Weg weiterführt.

Angesagt ist: früh am Morgen aufstehen, sich auf den Weg machen, den richtigen Weg suchen — und wenn es nötig ist sich bücken, sich die Hände schmutzig machen und für Suchende Orientierungshilfen errichten. Gut ausgerüstet unterwegs zu sein, bedeutet auch, genügend Proviant dabei zu haben, um allenfalls jemandem, der hungrig und durstig ist, Nahrung und zu Trinken anbieten zu können.

Was für eine Bergtour selbstverständlich ist, gilt vielmehr noch für die Kirche. Oder?