Kirche aktuell

Warum Zügeln ein Hauch von Migration innewohnt

Warum Zügeln ein Hauch von Migration innewohnt
Seelsorger Predigerkirche
Thomas Münch
Author
25. März 2015

Was soll ich nur mitnehmen? Wie viel Platz habe ich noch, um das oder jenes einzupacken? Was wird wichtig sein, was brauche ich wirklich noch am neuen Ort? – Einschneidende Überlegungen eines Seelsorgers in der praktischen »Migration«, wenn es wieder einmal darum geht, zu zügeln.

Wir alle »migrieren« von Zeit zu Zeit

Ich bin umgezogen. Endlich sind die meisten Kisten ausgepackt und das Gefühl von Ankommen schleicht sich langsam ein. Was war das für ein Krampf! Wochenlang musste jedes Familienmitglied überlegen, was er bzw. sie einpacken möchte und was nun doch mal entsorgt werden sollte. Und dann galt es, Kisten und Schachteln zu besorgen und alles eingepackt für den Umzug bereitzustellen. Dann kamen die Umzugsfirmen. Sie haben sie unsere Sachen angesehen und abgeschätzt, wie viele Helfer und wie viele Lastwagen in welcher Grösse es braucht, damit das der ganze Umzug in 10 Stunden über die Bühne gehen kann.

Epoche der Flucht und Vertreibung

Im Jahresbericht 2014 der Paulusakademie habe ich von der »Epoche der Flucht und Vertreibung« gelesen. Gerade das 20. Jahrhundert war ein »Jahrhundert der Entwurzelten und Heimatlosen« (Jan. M. Piskorski). Auch in meiner Familie gibt es einige Biographien, die im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen und anderswo neu anzufangen. Das 21. Jahrhundert ist auf dem besten Wege, es seinem Vorgänger gleichzutun. Der Bundesrat will 3000 (handverlesenen) Flüchtlingen aus Syrien die Möglichkeit geben, in die Schweiz zu kommen. Wie muss es diesen Menschen wohl ergangen sein bzw. gehen, wenn sie vor der Frage stehen, was sie mitnehmen können?Sie müssen Hals über Kopf fliehen. Ihnen stehen keine 2 Lastwagen zur Verfügung. Für die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg war die Vorgabe: nimm mit, was du tragen kannst! Die zukünftigen Syrienflüchtlinge werden auch nicht viel mehr mitnehmen können.

All diejenigen, die sich auf der Flucht vor Verfolgung, Gewalt und Misshandlung befinden, und nicht das Glück haben, von einem Staat ausgewählt worden zu sein, sind nicht nur gezwungen auf ihre Güter zu verzichten, sondern müssen sich auch noch für die klandestinen Wege in die Hände von skrupellosen Schleppern und Menschenhändlern ausliefern.

Das pilgernde Gottesvolk

Wenn sie als Flüchtlinge endlich bei uns ankommen, betrachten wir sie als »Problem«, das irgendwie gelöst werden muss. Wir stellen uns vor, was sie alles von uns und unserem Staat wollen, was uns das wieder kostet könnte. Und wir fragen uns, welche Gefahren für unsere Gesellschaft damit verbunden sind.

Wir könnten uns ja auch mal einen Moment fragen: Was mussten diese Menschen alles zurücklassen? Und dabei denke ich jetzt nicht nur an Materielles oder Immobilien. Ich denke auch an ihre Ausbildung, die hier oft nicht anerkannt wird, an ihre Familien und Freunde, an ihre Kultur, Sprache, Lieder, Geschichten, ihre Heimat …

Wir könnten uns auch fragen, was uns diese Menschen mitbringen. Obwohl das letzte Jahrhundert ein Jahrhundert der Entwurzelten und Heimatlosen war, sind diese Menschen in der neuen Umgebung heimisch geworden, haben Dörfer und Städte nach dem Krieg wieder mit aufgebaut oder die Wirtschaft in Mitteuropa am Laufen gehalten, die Kultur und den Alltag der neuen Heimat verändert.

Schon zu biblischen Zeiten waren unsere Urmütter und Vorväter ständig unterwegs. Auch die Kirche versteht sich als pilgerndes Volk Gottes, gemeinsam Unterwegs mit allen, denen wir begegnen, mit denen wir leben, denen wir Nächste sein können.

Bei diesen Überlegungen frage ich mich schon: wie konnte ich mich ärgern über meine 4 Kilometer-Migration und die ganzen Umtriebe, die damit verbunden waren? Ja, das frage ich mich wirklich.