Kirche aktuell

Warum sich ein Familienvater weihen lässt

Warum sich ein Familienvater weihen lässt
Informationsbeauftragter des Generalvikariates
Arnold Landtwing

Schwerpunkte: Kommunikation Generalvikariat, Mitarbeitende in der Seelsorge, Beratung Pfarreien, pastorale Gremien. Katholischer Theologe und Mediator.

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08. Januar 2016 1 Kommentar

Sechs verheiratete Männer werden zu ständigen Diakonen geweiht. Was bedeutet ihnen diese Weihe? Und: Wie verstehen sie den Gehorsam, den sie dem Bischof versprechen? Mit einem der neuen ständigen Diakone Stefan Arnold , Leiter der Behindertenseelsorge in Zürich, haben wir getroffen und ein längeres Gespräch zum ständigen Diakonat geführt.

Eingangstüre Behindertenseelsorge

Eingangstüre Behindertenseelsorge

Die Beschriftung an der Tür ist riesengross, die Klingel zusätzlich in Brailleschrift, der Schrift für blinde und sehbehinderte Menschen , angeschrieben und an einem Draht hängen kleine Würfel mit Symbolen des Finger-Alphabets der Gebärdensprache B-e-h-i-n-d-e-r-t-e-n-s-e-e-l-s-o-r-g-e.

Mit einem herzlichen Lachen öffnet Stefan Arnold die Tür und heisst willkommen. Seit fünf Jahren leitet er die Behindertenseelsorge der Katholischen Kirche im Kanton Zürich .

Gott und die Kirche der Schwachen

Aus der grossen Küche neben dem Eingang erfüllt angeregte Unterhaltung den Gang. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit dem Thema Inklusion: Was muss in der Kirche und in der Gesellschaft unternommen werden, damit Menschen mit und ohne Behinderung selbstbestimmt zusammenleben können?

Was Inklusion im Alltag bedeutet, weiss Stefan Arnold gleich mehrfach aus eigener Erfahrung. Geprägt hat ihn zunächst ein Jahr während des Studiums, in dem er in einer Arche mitgelebt hat. Die Arche ist eine christliche Lebensgemeinschaft von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, die miteinander den Alltag teilen. Folgerichtig lautete dann der Titel seiner Diplomarbeit „Der dreifaltige Gott und die Kirche der Schwachen“. Dass er als Leiter der Behindertenseelsorge weiss, wovon  er spricht, ist auch im Familienleben begründet. Der verheiratete Theologe ist Vater zweier Töchter:  eine der beiden aufgrund einer Hirnverletzung von einer halbseitigen cerebrale Lähmung betroffen.

„Die wohl grösste Herausforderung für uns als Eltern waren die epileptischen Anfälle des Kindes. Da bist du der Hilflosigkeit völlig ausgeliefert, du kannst nichts anderes machen, als dabei sein und hoffen, dass die Medikamente bald wirken und der Anfall vorbei ist“, Stefan Arnold.

Wir sitzen ins Stefan Arnolds Büro in Behindertenseelsorge. Eine grosse Magnetwand mit Kalendern und Zettel hängt direkt neben dem Kreuz an der Wand, eine Kerze steht auf dem kleinen Besprechungstisch.

Wie kommt es, dass du dich nach vielen Jahren Dienst als verheirateter Seelsorger zum ständigen Diakon weihen lässt?

„Dieser Entscheid ist über lange Jahre im Stillen herangereift. Zum ersten Mal direkt auf den ständigen Diakonat angesprochen hat mich mein damaliger Pfarrer Jakob Romer. Ich distanzierte mich aber davon, weil ich kein „Pseudopriester“ sein wollte. Aber in Tagen der Stille tauchte die Frage immer wieder auf. Sie ist drängender geworden.“

Welches war der entscheidende Augenblick, an dem du gewusst hast: ich will Diakon werden?

„Die Bibelstelle Lukas 7, 36-50 gab den Ausschlag: Jesus begegnet der Sünderin, die ihm die Füsse wäscht und trocknet. Das erinnerte mich an die eineinhalb Jahre, die ich in Mexiko in einem kleinen Dorf gelebt habe.

In der Karwoche hat der Priester den Menschen in der Kirche die Füsse gewaschen – und das Wasser war immer dreckig. Das Bild der Frau, die Jesus die Füsse wäscht, bedeutet Hinwendung zum konkreten Menschen – der Diakonat ist ein Bild für diese Zuwendung.

Papst Franziskus hat dieses Zeichen auch gesetzt, als er als eine seiner ersten Handlungen in einem römischen Gefängnis Frauen und Männern, Christen und Muslimen die Füsse wusch.“

Bei der Weihe wird deine Frau auch gefragt, ob sie einverstanden ist. Wie hat sie auf deinen Wunsch, dich weihen zu lassen, reagiert?

„Sie hat mich in meinem Entscheid unterstützt und mitgetragen. Für sie ist jedoch wichtig, dass ich weiterhin als Partner und Familienvater präsent bin. Mein Engagement wird im Rahmen dessen bleiben, wie es jetzt ist.“

„Ich kann nicht in meinem beruflichen Alltag Diakon sein und zu Hause Partnerin und Familie sich selber überlassen.“

Im Weiheritual legst du dich als Weihekandidat flach auf den Boden, es folgt das Gebet, das Auflegen der Hände und das Gehorsamsversprechen. Wie verstehst du Gehorsam, den du dem Bischof versprichst?

„Über den Gehorsam haben wir mit Weihbischof Marian Eleganti, der die Weihe vornehmen wird, intensiv diskutiert.

Gehorsam bedeutet in erster Linie: aufmerksam und gut hin-horchen, hinein-horchen, Hirn, Herz und Bauch aktiviert lassen und herausspüren, ob etwas im Sinn von Gott ist. Gehorsam beruht auf einem eigenständig reflektierten Gewissensentscheid.

Und: Gehorsam verspreche ich dem Bischof als solchem und dies ist nicht personenabhängig. Auch der Bischof muss sein Handeln vor Gott verantworten.“

Die Weihe zum ständigen Diakon ist verheirateten Männern vorbehalten und bleibt einer Frau verwehrt, auch wenn sie Theologie studiert hat und als Seelsorgerin wirkt. Wie nimmst du diese Spannung wahr?

„Diese Spannung nehme ich sehr stark wahr und die Frage, weshalb diese Weihe Frauen vorenthalten bleibt, ist berechtigt. Und dennoch muss ich meiner Berufung folgen – und für sie geradestehen. Ich arbeite mit Frauen zusammen, die genau wie ich im Dienst am Nächsten sind. Die Hinwendung zu den Füssen der Menschen leben sie in gleichem Mass.

Ich persönlich sehe keinen Grund, Frauen nicht zum ständigen Diakonat zuzulassen und frage mich: Hält sich Gott ans Kirchenrecht?

Als ich Kolleginnen meinen Entscheid mitgeteilt habe, haben sie sich offen und ehrlich gefreut.“

Stefan Arnold und Mitarbeiterin Anna Wörsdörfer

Stefan Arnold und Mitarbeiterin Anna Wörsdörfer

Als ständiger Diakon darfst du taufen und bei Hochzeiten das Eheversprechen abnehmen. Wie wirst du das in der Behindertenseelsorge einbringen können?

„Auf die Frage nach Sakramenten von Taufe und Eheassistenz bezogen, kann ich die Weihe in der Behindertenseelsorge wohl kaum brauchen. Den Diakonat sehe ich mehr als Zeichen und Haltung gegen aussen, weniger als liturgische Funktion oder Kleriker.

In der Weiheliturgie wird das Evangeliar übergeben mit den Worten: „Empfange das Evangelium Christi. Zu seiner Verkündigung bist du bestellt. Was du liest, ergreife im Glauben, was du glaubst, das verkünde  und was du verkündest, das erfülle im Leben.“ Das stellt an mich konkrete Fragen wie: Sehe ich die Füsse der Menschen? Haben Menschen keinen Platz in einer Pfarrei? Dann schaffen wir ihn.

Die Taufe ist ein wichtiger Moment der Beziehung in einer Pfarrei. Deshalb gehört die Taufe auch eines Kindes mit Behinderung in die Pfarrei und in die Seelsorge vor Ort.“

Hast du für dich ein Motto? Eine Art Leitgedanken für dein Diakonat?

„Ein Motto nicht, aber Fragen, die mich bewegen: Wo müssen wir als Kirche etwas „falsch“ machen, uns selber auferlegte Konventionen durchbrechen, um dorthin zu kommen, wo Gott uns haben will? An welche Ränder der Welt müssen wir gehen, damit wir mit dem Leben in Kontakt sind?

Oder, in einfacher Sprache ausgedrückt: Leben ist Gottesdienst. Der Diakon ist als Diakon im Leben präsent. Gottesdienst ist auch Leben.

Für mich entscheidend ist nicht, was wir tun, sondern wie wir es tun. Dies gilt für alle Getaufte, egal ob Mann oder Frau, Katechetin, Pastoralassistentin, Priester oder Bischof.“

Stefan Arnold

Stefan Arnold

Als Stefan Arnold mich nach dem Gespräch hinausbegleitet, bleiben wir im Gang stehen. Eine ganze Reihe wunderschöner farbiger Bilder hängt an der Wand. Gemalt haben sie Frauen und Männer mit Behinderung in einer Ferien- und Besinnungswoche im Jura. Sie haben den Sonnengesang des Heiligen Franziskus meditiert – und dann in Kunstwerk umgesetzt. Hinter jedem Bild steckt eine Lebensgeschichte, die erkennen lässt, dass die Wahl des Themas kein Zufall war. Das macht diese Bilder doppelt wertvoll und eindrücklich. Wenn Stefan Arnold davon erzählt, wie diese Bilder zustande gekommen sind, versteht der Besucher was eine diakonale, eine dienende Aufgabe und Haltung ist. Sie ist nicht abgehobene Theologie, sondern handfester Alltag.

www.behindertenseelsorge.ch