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Warum Papst Franziskus eine Zumutung ist

Warum Papst Franziskus eine Zumutung ist
Arnold Landtwing
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20. November 2015 2 Kommentare

Bei seinem Besuch der evangelisch-lutheranischen Gemeinde in Rom überraschte Papst Franziskus einmal mehr, indem er für Zu-Mutungen sorgte. Er mutet nämlich den Gläubigen zu, dass sie aufgrund der Taufe und im Gebet reife Gewissenentscheidungen fällen können, die heikle theologische Fragen sehr praktisch beantworten. Seine Gesten und vor allem seine Antworten überraschten mich nicht nur, sondern beindruckten mich tief.

Eine Frau evangelisch-lutheranischer Konfession, deren Ehemann katholisch ist, erzählte, wie schmerzlich es für sie sei, nicht gemeinsam am Abendmahl teilnehmen zu können. Sie fragte den Papst direkt: „Was können wir tun, um endlich Gemeinschaft in diesem Punkt zu bringen?“

EIN Glaube, EIN Herr, EINE Taufe

Papst Franziskus rang sichtlich um eine Antwort und stellte sich selber zuerst die Frage, ob das Teilen des Abendmahls das Ende eines Weges oder die Stärkung auf dem Weg sei, um gemeinsam voranzuschreiten. Anschliessend betonte er mehrfach die eine gemeinsame Taufe und wies darauf hin, dass das Leben grösser sei als Erklärungen und Deutungen. Im von heftigen Gesten begleiteten Zitat aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser „Ein Glaube, ein Herr, eine Taufe“ (Eph 4,5) mutete er der Fragestellerin zu, selber die Schlussfolgerung zu ziehen. Seines Amtes als Papst bewusst, wies er darauf hin, dass er es nicht wage, eine Erlaubnis zu geben, da dies nicht in seiner Kompetenz liege.

„Sprecht mit dem Herrn und geht voran. Ich wage nicht mehr zu sagen.“

Papst Franziksus

Damit mutet er den Getauften zu, dass im Gebet und im Gewissen der Entscheid reifen kann, in verantwortlicher Weise konfessionsverbindend an der Feier des Abendmahls oder der Eucharistie teilzunehmen.

Papstbesuch bei den Lutheranern. Antwort zu eucharistischer Gastfreundschaft ab Minute 21:00 (Screenshot Radio Vatikan)

Kelch und Patene als Gastgeschenk für die Lutheraner

Ein weiteres starkes Zeichen setzte Papst Franziskus mit seinem Gastgeschenk. Wenn er einen römisch-katholischen Bischof besucht, bekommt jeder Bischof einen Kelch mit Hostienschale –Messgeräte, die es braucht, um die Eucharistie feiern zu können.

Kelch für Lutheraner

 

Die Symbolkraft von Kelch und Hostienschale als  Geschenk liegt im Ausdruck der Verbundenheit in der Eucharistie. Als starkes Signal ist zu verstehen, dass der evangelisch-lutheranische Pfarrer einen ebensolchen Kelch und eine Hostienschale überreicht bekam. Damit drückte Papst Franziskus seine Hoffnung aus, dass bald das Trennende zwischen Lutheranern und Katholiken überwunden sein möge.

Bauchgrimmen ist garantiert

Für Dogmatiker und Kirchenrechtler dürften die starken ökumenischen Antworten und Zeichen von Papst Franziskus hier und dort für Bauchgrimmen und heftige Debatten sorgen. Auf Twitter lassen erste Reaktionen bereits tags darauf schliessen:

Tweet Kissler
Perspektive ist entscheidend

Die entscheidende Grundfrage liegt einmal mehr in der Perspektive verborgen:

  • geht der Blick zurück in die Geschichte und bleibt dort bei unseligen Streitereien und theologischen Spitzfindigkeiten hängen –
  • oder geht der Blick in die Zukunft und traut dem Heiligen Geist zu, überraschend (und vielleicht sogar humorvoll) zu wirken?

Für mich liegt es auf der Hand: der Besuch, die Worte und Gesten von Papst Franziskus sprechen deutlich von der Hoffnung, dass mit der Gnade Gottes die Einheit gefunden werden kann. Für das Weitergehen auf dem Weg zur Ökumene stellt dies einen wichtigen Schritt dar.

Befreiende Ermunterung

Wie befreiend und ermutigend klingt die Ermunterung von Papst Franziskus! Sinngemäss bestätigt seine überraschende und richtungsweisende Antwort das Ringen um die eucharistische Gastfreundschaft, wie es auch im ökumenischen Bettagsbrief 1997 von Kirchenratspräsident Ruedi Reich und Weihbischof Peter Henrici formuliert wurde:

„In manchen Gemeinden beider Konfessionen wird heute schon als Vorwegnahme dieser Einheit eucharistische Gastfreundschaft geübt. Sinn dieser Gastfreundschaft kann es nicht sein, dass Menschen unvorbereitet am Mahl teilnehmen. Vielmehr soll das Gewissen jedes und jeder Einzelnen respektiert werden, damit sie nach redlicher Selbstprüfung im Sinne ihrer Konfession am Mahl teilnehmen. Durch eine Erwägung der konfessionellen Unterschiede im Eucharistieverständnis wird man nicht zuletzt den Glauben der anderen Konfession besser verstehen und das beiden Konfessionen Gemeinsame schätzen lernen.“

Ökumenische Schritte dringend notwendig

Für Generalvikar Josef Annen sind weitere ökumenische Schritte dringend notwendig, denn weit mehr als die Hälfte der Ehen im Kanton Zürich sind konfessionell gemischte Ehen. Aus pastoraltheologischer Sicht vertritt er dezidiert die Meinung: „Ehepaare, die katholisch geheiratet haben, die Kinder katholisch taufen lassen, am Leben der Kirche aktiv teilnehmen und ihre Ehe bewusst christlich leben wollen, möchten auch aus der Gemeinschaft mit Christus in der Eucharistie leben.

Durch das Band der Taufe sind sie Glieder der einen Kirche Jesu Christi. Im sakramentalen Bund der Ehe bezeugen sie die Treue Jesu Christi zu seiner Kirche. Wieso führt der Bund mit Christus am Tisch des Herrn zu getrennten Wegen?

Die Seelsorger kennen die kirchenoffiziellen Antworten , aber sie machen die Erfahrung, dass diese in der Praxis nicht zu überzeugen vermögen. Die Antwort lautet: Die Teilnahme an der Eucharistie setzt die volle Kirchengemeinschaft voraus. Die eucharistische Gemeinschaft ist nicht nur Gemeinschaft in Christus, sie ist immer auch volle Gemeinschaft mit der real existierenden Kirche.

So richtig diese Antwort auch ist, der jetzige Kardinal Kurt Koch hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass der Schwachpunkt dieser Argumentation darin liegt, die Eucharistiegemeinschaft mit nichtkatholischen Christen gleichsam auf den Jüngsten Tag zu verschieben und zu vergessen, dass die Eucharistiegemeinschaft auch Nahrung und Kraftquelle für grössere und verbindlichere Kirchengemeinschaft ist. (1)

Wo ist diese grössere und verbindlichere Kirchengemeinschaft mehr am Wachsen als in der konfessionsverbindenden Ehe? Die konfessionsverbindende Ehe ist Hauskirche, und Kirche baut sich aus der Eucharistie auf.“ (2)

Ich bin davon überzeugt: Papst Franziskus weiss ganz genau, welche Zeichen er setzt und welche Botschaften er mitgibt. Insofern verstehe ich ihn wirklich als Zu-Mutung im Sinn einer Ermutigung, im Gebet und gewissenhaft verantwortet Wege zu suchen. Und zu gehen.

 

Der Wortlaut der drei Fragen an den Papst und seine Antworten ist hier protokolliert.

(1) Kurt Koch: Gelähmte Ökumene. Was jetzt noch zu tun ist. Freiburg-Basel- Wien 1991, 218.).

(2) Josef Annen: Gastfreundschaft in konfessionsverbindenden Ehen. Gedanken aus pastoraltheologischer Sicht in: Schweizerische Kirchenzeitung Nr. 39/14 vom 19.11.2014