Kirche aktuell

Warum Human Rights Watch einen Priester ehrt

Warum Human Rights Watch einen Priester ehrt
Arnold Landtwing
Author
19. Mai 2015

Mit einem gewinnenden Lächeln sitzt er am Tisch. Ernst und bestimmt wird sein Gesichtsausdruck, wenn er von den Gräueltaten der Milizen erzählt – und entspannt sich wieder, wenn von den Kindern die Rede ist, die er wieder mit ihren Eltern zusammenführen konnten. Er: Pater Bernard Kinvi, Preisträger des Alison Des Forges Award für Extraordinary Activism von Human Rights Watch. Zusammen mit seinem Mitbruder P. Patrick Brice und Chloe Chennells-Milton, Officer Special Events von Human Rights Watch war er im Generalvikariat in Zürich zu Besuch und hat von seinem Alltag erzählt.

 P. Patrick Brice, Chloe Chennells-Milton, Officer Special Events von Human Rights Watch und P. Bernard Kinvi zu Besuch bei Generalvikar Josef Annen_FOTO_Arnold Landtwing

P. Patrick Brice, Chloe Chennells-Milton, Officer Special Events von Human Rights Watch und P. Bernard Kinvi zu Besuch bei Generalvikar Josef Annen_FOTO_Arnold Landtwing

Priester, Spitaldirektor und Operationshelfer

Bernard Kinvi ist Priester des Camilianerordens und Direktor des Spitals, das nach dem heiligen Johannes Paul II. benannt ist. Zur Missionsstation gehören neben dem Spital auch noch eine Schule und die Pfarrei. Mit einer Geste Richtung Universitätsspital Zürich entschuldigt er sich und sagt: „Unser Spital ist halt ganz anders als eure hier. Viel kleiner. Wir haben nur 40 Betten.“ Zu tun hat er aber mehr als genug damit, denn als Direktor ist er für Finanzen, Personal und Administration zuständig.

„Wir haben einen Operationsplatz“, erzählt er aus seinem Alltag „und wenn eine Operation ansteht, ruft der Arzt mich. Dann ziehe ich mich um und assistiere.“ Auf die Frage, ob der eine medizinische Ausbildung habe, antwortet P. Kinvi mit einem Lächeln: „Nein. Aber es braucht jemanden, der dem Arzt hilft. Und er sagt mir, was ich zu tun habe.“

Die katholische Missionsstation befindet sich in Bossemtele im Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik. Als im Jahr 2013 brutale Abspaltungskämpfe ausbrachen, rettete P.Kinvi hunderten geflohenen Muslimen das Leben, indem er sie aufnahm und in der Kirche versteckte.

DIe unheilvolle Spirale von Gewalt und Gegengewalt

Ausgebrochen war die Krise als muslimische Séléka-Kämpfer die Macht übernahmen und im Gewaltrausch zahlreiche Dörfer niederbrannten und viele Menschen umbrachten. Als Gegenreaktion formierten sich Anti-Balaka-Milizen, die sich vorwiegend aus christlichen Bevölkerungskreisen rekrutierten. Was zuerst als Schutz und Verteidigung von Dörfern und Häusern begann, weitete sich aus: angegriffen wurden Lager der Séléka und zunehmend muslimische Minderheiten. Kaum waren die Séléka entmachtet, wurden Muslime verfolgt und umgebracht, ihre Häuser und Moscheen zerstört.

Eine der schlimmsten Attacken ereignete sich in Bossemptele, wo über 80 Muslime getötet wurden.

Pater Bernhard Kinvi machte sich tagelang auf die Suche nach überlebenden Muslimen, darunter viele Kinder. Er nahm sie alle auf und gab ihnen Schutz und Sicherheit in der katholischen Kirche. Obwohl die Anti-Balaka-Miliz ihn selber mit dem Tod bedrohte, beherbergte er hunderte Muslime.

Im Februar 2014 machte ein Team von Human Rights Watch auf der Durchreise in Bossemptele Zwischenhalt und erfuhr zufällig  von Flüchtlingen in der Kirche. Sie recherchierten, machten Fotos und reisten zum Zielort ihres Einsatzes. Zwei Tage später jedoch kehrten sie zurück und fanden in der Kirche 1500 moslemische Flüchtlinge und zwei Imame.

Die Kirche ist oftmals die einzig funktionierende Struktur

Die Region ist so isoliert, dass sie bis vor kurzem, auf Google Maps nicht zu finden war. Während den Unruhen herrschte auch in der katholischen Pfarrei Angst und Panik. Viele flohen aus dem Dorf und brachten sich in Sicherheit. Ein Kern der Pfarrei ist geblieben und hat sich regelmässig zum Gebet und Gottesdienst getroffen.

Im März 2014 evakuierten afrikanische Friedenstruppen die Flüchtlinge nach Kamerun, wo mehr als 100‘000 Muslim Zuflucht gesucht hatten. Etwa 70 Personen, darunter mehr als ein Dutzend Kinder, mussten zurückgelassen werden, weil sie für die Evakuation mit den Lastwagen zu schwach waren. Unbeirrt setzte sich P. Bernhard für die Muslime ein. Schliesslich gelang es ihm, sie wieder mit ihren Familien zusammenzuführen.

Gerade in Krisenregionen leisten Priester oftmals Ausserordentliches. Die Kirche ist meistens noch die einzige Struktur, die noch existiert und funktioniert. Die Stärke der Priester ist, dass sie die Wahl haben: zu fliehen oder zu bleiben. Wenn sie dann bleiben und mutig handeln, dann ist ihr Zeugnis wirkmächtig. So wie das von P. Bernard Kinvi.

Human Rights Watch ehrt mutige Stimmen

Kenneth Roth, Executive Director von Human Rights Watch sagte bei der Preisverleihung: „Mit dem Alison Des Forges Award werden Menschen gewürdigt, die sich durch aussergewöhnliches Mitgefühl und Mut auszeichnen und sich für einige der schutzbedürftigsten Menschen der Welt einsetzen. Die Gewinner des Preises haben ihre Stimme erhoben und eingegriffen, selbst wenn sie sich Widerständen, Gleichgültigkeit und manchmal auch Gefahr für Leib und Leben gegenüber sahen.“

Und Peter Bouckaert, Direktor Nothilfe, anerkannte die Leistung Kinvis:

„Während den Bluttaten in der zentralafrikanischen Republik riskierte Pater Kinvi sein Leben Tag für Tag, um hunderte Muslim vor dem sicheren Tod durch die Hand ihrer Killer zu retten. Mit Bescheidenheit, Mut und einem ansteckenden Lächeln steht er für die Verletzlichsten ein.“

HRW_Preisverleighung(_Peter Bouckaert, Direktor Nothilfe mit P. Kinvi_FOTO_2015 Patrick Gutenberg

HRW_Preisverleihung(_Peter Bouckaert, Direktor Nothilfe mit P. Kinvi_FOTO_2015 Patrick Gutenberg

Drei Voraussetzungen für die Zukunft

„Was braucht die zentralafrikanische Republik, wenn sie eine gute Zukunft haben will?“, fragte ich P. Bernard. Er zählte drei Voraussetzungen auf, die für eine Zukunft erfüllt sein müssen:

  1. Entwaffnung der Milizen
  2. Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft
  3. Es braucht für alle Zugang zu Wasser, Gesundheit, Ausbildung und Arbeit. Dies fehlt heute.

In der Schweiz und in Europa leben wir in Sicherheit. Zugang zu Wasser, Gesundheit, Ausbildung und Arbeit sind bei uns selbstverständlich. Aber: Wissen wir dies auch zu schätzen? Die Begegnung mit P.Bernard Kinvi und seinem Mitbruder P. Patrick Brice hallt noch lange nach. Und beunruhigt.

Der Alison Des Forges Award for Extraordinary Activism wird von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch an Persönlichkeiten verliehen. Die Preisträger die ihr Leben riskiert haben, um Würde und Rechte anderer zu schützen. Zusammen mit diesen mutigen Aktivisten setzt sich Human Rights Watch ein für eine Welt, in der alle Menschen ohne Gewalt, Diskriminierung oder Unterdrückung leben können.

Verantwortliche von Human Rights Watch mit Preisträgern_FOTO_2015 Patrick Gutenberg

Verantwortliche von Human Rights Watch mit Preisträgern_FOTO_2015 Patrick Gutenberg

Verantwortliche von Human Rights Watch zusammen mit Preisträger P. Bernard Kinvi: (von links nach rechts): Pater Patrick Brice, Zentralafrikanische Republik; Mariel Hoch, Vice Chair, Human Rights Watch Unterstützungskomitee Zürich; Pater Bernard Kinvi, Zentralafrikanische Republik, und Preisträger des Alison des Forges Award for Extraordinary Activism ; Peter Bouckaert, Director Emergencies, Human Rights Watch; Brigitte Schmid, Geschäftsführerin des Büros Zürich, Human Rights Watch; Bruno Stagno Ugarte, Deputy Executive Director for Advocacy, Human Rights Watch.