Kirche aktuell

Sr. Ingrid Grave: "Resignation wäre das Schlimmste."

Sr. Ingrid Grave: "Resignation wäre das Schlimmste."
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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20. Januar 2014

Sr. Ingrid, Sie werden am Gemeindeanlass in Oberrieden mit den Leuten über die Gretchenfrage «Wie hast du es mit der Religion?» ins Gespräch kommen. Interessiert diese Frage überhaupt noch?

Aus Erfahrung weiss ich, dass religiöse Fragen immer noch beschäftigen. Ich denke, das werde auch in Oberrieden so sein. Sinnfragen sind nicht tabu, und religiöse Fragen sind Sinnfragen: Wofür setze ich mich im Leben ein? Welche Werte zählen? Was gibt meinem Leben Sinn? Die Suche nach den jeweils richtigen Antworten beschäftigt. Ich jedenfalls stelle sie mir – für mein Leben – fast täglich.

Bestimmt wollen die Interessierten von Ihnen als Ordensfrau wissen, wie Glaube und Religion im Alltag zur Lebenshilfe werden kann. Haben Sie dazu konkrete Impulse?

Wichtig ist, mir immer wieder bewusst zu machen, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin und dass nicht alles von mir allein abhängt. Dazu dient das Gebet. Es öffnet meinen Blick für die richtigen Relationen und schenkt mir Kraft zum Weitergehen. Das z.B. wäre ein wichtiger Impuls, täglich innezuhalten, sich zu orten im ganzen Weltgeschehen und Vertrauen zu wagen zu dem, den wir Gott nennen.

Vielleicht möchten die Leute mit Ihnen ja auch über anderes als über Religion reden: Etwa über Stress, Geldsorgen, anstehende Wahlen oder gar die angebrannte Rösti. Sind Sie auch für solche Alltagsthemen offen?

Auch als  Ordensfrau bin ich täglich mit Alltagsfragen beschäftigt. Sie haben Platz und sind wichtig, auch wenn ich nicht in allem Bescheid weiss oder auf dem neuesten Stand bin. Ich bin beispielsweise in der offenen Seelsorgearbeit in der Predigerkirche tätig, da kommt auch viel Alltägliches zur Sprache: Geldsorgen, Beziehungsprobleme, Stress. Da versuche ich aus meiner religiösen Überzeugung heraus zu motivieren und Hoffnung zu geben.

Sie haben sich als Dominikanerin zeitlebens speziell für Frauen, auch für ihre Gleichberechtigung in der Kirche, eingesetzt. Der Durchbruch ist nicht erfolgt. Sind Sie enttäuscht und vielleicht sogar resigniert deswegen? 

Es stimmt, der Durchbruch ist nicht erfolgt. Aber es ist trotzdem manches möglich geworden für Frauen in der Kirche, wenn wir auf die letzten 50 Jahre zurückschauen. Natürlich bleibt eine gewisse Enttäuschung. …  Aber Resignation? Nein, das wäre das Schlimmste, was einem passieren könnte, denn dann geht gar nichts mehr.

Sie kämpfen also weiter: Was motiviert Sie, weiterhin in und für die Kirche Ihren Einsatz zu leisten?

In der Kirche finde ich – neben allem Gerümpel – einen unermesslichen Schatz an Weisheiten für meine Lebensausrichtung, konzentriert in den biblischen Erzählungen. Wenn ich z.B. hinschaue auf die Begegnungen Jesu mit Frauen, dann entdecke ich, mit welcher Selbstverständlichkeit er Frauen ernst genommen hat. Das macht mir Mut, gerade auch in unserer Kirche. An der Gestalt Jesu kann ich ablesen, wie wir miteinander umzugehen haben, wenn wir eine gerechte Gesellschaft aufbauen wollen. Und ich lerne von ihm, dass Veränderungen in meinem Leben nicht von selber eintreten, sondern nur dann, wenn ich das mir Mögliche dazu beitrage. Das fordert mich in meinem Alltag heraus.

(Interview: V. Schwizer)

 

Treff mit der einstigen Sternstundenmoderatorin

Ingrid Grave, 77, ist seit 53 Jahren Ordensschwester,  gehört zu den Dominikanerinnen im Kloster Ilanz, lebt aber in Zürich. Bekannt geworden ist sie, als sie zwischen 1994 und 2000 die «Sternstunde» des Schweizer Fernsehens moderierte. Immer noch engagiert sich die ursprüngliche Lehrerin nach Kräften in der Erwachsenenbildung. Sie möchte, dass der christliche Glaube für viele eine hilfreiche Orientierung im Leben sein kann.

Ingrid Grave wird am 23. Januar in der Pfarrei Heilig Chrüz in Oberrieden zu Gast sein. Nach einer Begegnung mit Oberstufenschülern am Nachmittag wird sie am Abend mit Erwachsenen über Glaube, Kirche und Religion ins Gespräch kommen. Ökumenische Erwachsenenbildung mit Ingrid Grave Donnerstag, 23. Januar 2014, 20 Uhr, Chrüzbüelkeller, Oberrieden, herzliche Einladung