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Warum Angst ein schlechter Ratgeber ist

Warum Angst ein schlechter Ratgeber ist
Leiter sozialethisches Institut «ethik22» in Zürich
Thomas Wallimann-Sasaki
Dr. theol. Thomas Wallimann-Sasaki ist Leiter des sozialethischen Instituts «ethik22» in Zürich, Präsident a.i. der sozialethischen Kommission Justitia et Pax der Schweizer Bischofskonferenz und Dozent für angewandte Ethik an verschiedenen Fachhochschulen.
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07. Mai 2016

Angst vor Menschen auf der Flucht? Stacheldraht um die Schweiz! Angst vor fremden Kulturen und Religionen? Zuwanderung beschränken! Angst vor Flüchtlingen im eigenen Dorf? Sich von Verantwortung und Solidarität freikaufen! Drei aktuelle Fragen und drei Antworten unserer Zeit. Genährt und angetrieben von Angst und mit dem Versprechen, für Sicherheit zu sorgen. Was sollte beim Sicherheitsdenken bedacht werden? Darüber denkt Sozialethiker Thomas Wallimann in unserem Blog nach.

Verunsicherung in der Welt der Versicherten

Die Sicherheits-Industrie wächst. Firmen mit dem Zusatz „security“ haben gute wirtschaftliche Aussichten und Versicherungen gehörten in der Schweiz seit je zu den „sichersten“ Dingen. Angesichts der vielen Veränderungen in unserer Welt ist der Ruf nach Sicherheit noch gestiegen.

Migration, Globalisierung, Informationstechnologie, Überwachungsmöglichkeiten etc. – all dies macht die Welt für uns kompliziert und unübersichtlich – und dies alles verunsichert.

Was ist Sicherheit?

Das lateinische Wort für Sicherheit ist secura. Dies ist zusammengesetzt aus den beiden Teilen „se“ und „cura“ – dies bedeutet: „ohne Sorge“. Damit gehört Sicherheit, also ein Leben ohne Sorge zu den Grundbedürfnissen des Menschen.

Im Englischen gibt es zwei Begriffe, die im Deutschen mit „Sicherheit“ übersetzt werden: Safety und Security. Diese beiden weisen zwei unterschiedliche Verständnisse hin, wie wir Sicherheit verstehen können:

  • Safety meint die Sicherheit vor Einflüssen, Risiken und Gefahren, die nicht von Menschen gewollt sind (z.B. Naturgefahren, Risiken im Umgang mit Maschinen etc.).
  • Security hingegen meint Sicherheit von Risiken, die von Menschen gewollt und mit Absicht gemacht sind (z.B. Angriffe, Terror, etc.).

Trotz dieser Unterscheidung sehen wir schnell, dass beide Sicherheitsvorstellungen schnell ins Unermessliche wachsen können.

Mit Sicherheitsversprechen und Sicherheitsmassnahmen können wir Gefahr laufen, uns einen Himmel auf Erden vorzumachen. Denn das Bedürfnis nach einem sorgenfreien Leben ist grenzenlos. Wir können dies persönlich erfahren, aber wir kennen dies auch durch Versprechungen in der Werbung oder bei Versicherungen, wenn es darum geht, die Deckung von möglichen Schäden oder „Unsicherheiten“ festzulegen.

Christliches Menschenbild und verlorenes Paradies

Hier kann es gut tun, einen Blick auf das christliche Menschenbild zu werfen.

Die zentrale Annahme, dass der Mensch auf Erden und nicht mehr im Paradies lebt, erinnert daran, dass es keine absolute Sicherheit gibt und dass es wesentlich zum gereiften Leben gehört, mit Unsicherheiten und Verunsicherungen leben zu lernen.

Auch erinnert das christliche Menschenbild daran, alle (!) Menschen in unsere Überlegungen einzubeziehen. Es gilt also aufzupassen, dass durch die Sicherheitsvorkehrungen der einen, nicht andere übermässig Lasten tragen müssen, geschädigt oder ausgeschlossen bzw. diskriminiert werden.

Auch interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die biblischen Geschichten, unter anderem aber auch viele Begegnungen Jesu mit den Menschen zum einen die Verunsicherungen anspricht, Jesus aber den Menschen nicht einfach Sicherheit verspricht, sondern zu ihnen sagt: „Habt keine Angst!“

Die Grundhaltung gegenüber von Verunsicherung und Veränderung, ungelösten Fragen und grossen Herausforderungen ist also nicht eine der Abschottung und des Abschliessens und Absicherns, sondern des Vertrauens. Nicht alles liegt in den Händen von uns Menschen, doch wir dürfen getrost die Herausforderungen angehen und im Vertrauen darauf anpacken, dass wir getragen und beschützt sind.

Damit ist nicht Naivität oder Gleichgültigkeit gemeint, sondern eine Haltung der Zuversicht, dass wir (im Glauben) gut geerdet sind und darum auf Menschen und Situationen zugehen dürfen, interessiert, offen und neugierig – aber auch im Wissen um das, was uns wichtig ist und wozu wir Sorge tragen sollen, weil es wichtig ist, damit es allen Menschen wirklich gut geht. Dies bedeutet, sich den Fragen der Sicherheit zu stellen, Verunsicherungen zum Thema zu machen – doch gleichzeitig zu wissen, dass wir keinen Himmel auf Erden über Sicherheitsmassnahmen erreichen können.

 

Erstmals erschienen im treffpunkt Nr. 2/2016 S. 6. Titel: Schlechter Ratgeber Angst.