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Mit anderen Augen Freiraum schaffen

Mit anderen Augen Freiraum schaffen
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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16. September 2014

Zwei Vereine leisten wegweisende Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Sie reden nicht, sie handeln. Und wie! Auf eindrückliche Weise lassen sie den Wert der Inklusion konkret werden. Inklusion bedeutet, dass dort, wo an alle gedacht wird, alle dazugehören und dies einen hohen gelebten Wert bedeutet.

Preisträger PAZ-Preis 2014

Preisträger des Preises der Paulus-Akademie 2014 FOTO Paulus-Akademie

Grosse Freude bei den Preisträgern. Von links nach rechts: Rahel Bucher (Kollektiv Frei_Raum), Andreas Rubin (Kollektiv Frei_Raum), Ralf Kammeyer (Verein Andere Augen e.V.), Gregor Strutz (Verein Andere Augen e.V.), René Zihlmann, Präsident Stiftungsrat Paulus Akademie Zürich

Preis für herausragendes Denken und Handeln

Der „Preis der Paulus-Akademie 2014“ geht an das Kollektiv „Frei_Raum“ aus Bern und den Verein „Andere Augen“ aus Berlin. Die Paulus-Akademie vergibt eine Preissumme von 10’000 Franken für herausragendes Denken und Handeln, das einem ihrer Studienbereiche entspricht. Dieses Jahr im Bereich „Gesellschaft und Behinderung“.

Die Jury besteht aus Fachpersonen de Sonderpädagogik sowie Persönlichkeiten aus Kultur, Kirche und Politik. Sie würdigt, wie es den beiden vereinen gelingt, scheinbar starre Grenzen zwischen Menschen mit Behinderung und solchen ohne einzureissen. Und dies ohne zu verleugnen, dass menschen mit Behinderung tatsächlich mit etlichen Nachteilen zu kämpfen haben.

Laudatio von Jürg Acklin geht unter die Haut

Der bekannte Psychoanalytiker und Schriftsteller Jürg Acklin hielt eine Laudatio, die unter die Haut ging. Warum? Ganz einfach: er weiss, von was er redet, weil er einen behinderten Bruder hat. Deshalb ist hier die Laudatio im Wortlaut wiedergegeben:

Lobrede

Laudator Jürg Acklin FOTO Paulus-Akademie

Liebe Preisträgerinnen, liebe Preisträger, meine Damen und Herren,
die Jury hat gut entschieden, als sie Ihnen den Preis zusprach.

Dem „Verein andere Augen“ aus Berlin und dem „Kollektiv Freiraum aus Bern“ ist nämlich etwas gelungen, was keine Selbstverständlichkeit ist: die Integration behinderter Menschen in verschiedene soziale und künstlerische Projekte, wo die Mitarbeit der Behinderten nicht einfach nur eine Ergänzung oder Bereicherung ist, sondern dazu beiträgt, dass für alle Beteiligten etwas Neues entsteht.

Dank meinem behinderten, zwölf Jahre jüngeren Bruder  – er hat eine cerebrale Bewegungsstörung von Geburt an und sitzt im Rollstuhl – weiss ich, wovon ich rede. Mein Bruder wohnt seit dem Tod unserer Eltern bei uns.

Integration oder Inklusion?

Der Begriff Integration war für mich ein ständiger Begleiter. Heute heisst es ja nicht mehr Integratio , sondern wir sprechen von Inklusion . Dieser neue Begriff ist bei mir sehr ambivalent besetzt. Einerseits ist diese Forderung als Utopie eine Möglichkeit, gesellschaftliche Verhältnisse zu transzendieren, andererseits droht sie als reale Forderung in eine Diktatur der political correctness zu münden, die weder der Gesellschaft noch den Behinderten etwas bringt.

Im Gegenteil: Die Behinderten werden als Vehikel für eine gesellschaftliche Umwälzung, z.B. Abschaffung aller Unterschiede, benützt, ja geradezu missbraucht. Es geht dabei nicht mehr um ihre Würde, es geht da nur noch um die Durchsetzung einer Ideologie.

Alle Menschen eignen sich nicht für Experimente und besonders Behinderte nicht: Der Mensch ist nie Mittel, sondern immer Zweck.

Ich bin nicht du – wir sind nicht sie

Wenn Eltern ein Kind mit Trisomie 21 in ein Gymnasium schicken wollen, dann hat das als Idee etwas Bestechendes, es blitzt die Möglichkeit einer ganz anderen Ordnung auf, einer Gesellschaft, die nicht mehr dem Leistungsprinzip huldigt, einer Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen und seinen Fähigkeiten leben kann. Also in einer Art Paradies. Schön, die Christen haben es am Anfang und im Jenseits, die Marxisten nach dem siegreichen Kampf des Proletariats, der in der klassenlosen Gesellschaft seinen Endpunkt finden soll. Das wäre ja nicht schlecht. Aber jetzt werde ich etwas polemisch: Warum könnte mein spastischer, im Rollstuhl sitzender Bruder nicht im Fussballclub Küsnacht als Stürmer oder Verteidiger spielen? Wenn man die Idee der Inklusion ernst nähme, müsste das doch möglich sein. Aber was wäre das für ein Fussball? Was wäre das für ein Gefühl für meinen Bruder? Müsste man ihn nicht vielleicht selbst fragen, was er möchte und was er nicht möchte?

Wir können noch so empathisch mit behinderten Menschen umgehen, meine Damen und Herren, wir sind aber nicht sie. Geht es nicht vielleicht eher darum, dass wir die Behinderung nicht ertragen, dass wir alle Unterschiede beseitigen wollen, weil der Behinderte uns Angst macht, weil der Behinderte uns an unsere Zerbrechlichkeit,an unsere Verletzbarkeit erinnert?

Hilflosigkeit ist schwer zu ertragen

Wir kennen die unmenschlichen und auf den ersten Blick auch völlig unverständlichen Angriffe von Skinheads auf behinderte Menschen. Auch die Skinheads ertragen die Hilflosigkeit nicht, sie wollen sie ausmerzen,damit es nur noch gesunde und starke Menschen gibt, damit die sogenannten Starken und Gesunden nicht mit ihrer eigenen Ohnmacht und Sterblichkeit konfrontiert werden. Das ist die Lösung der Unmenschen. Aber es gibt auch die Lösung derer, die es gut meinen, der Wohlwollenden.

Vor dreissig, vierzig Jahren hiess es: Wir sind alle behindert. Das war gut gemeint, aber ein Hohn für die Behinderten. Heute wird der Versuch gemacht,so zu tun, als wäre für Behinderte alles möglich.

Ich kann Ihnen sagen, meine Damen und Herren, theoretisch hört sich das gut an, aber wenn Eltern plötzlich mit der Tatsache konfrontiert werden, dass sie ein behindertes Kind haben, dann ist da zuerst ein Schrecken, ja ein Entsetzen, mit dem man erst einmal fertig werden muss.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich alles dransetzte, meinen Bruder zu heilen, wie ich im Garten Konstruktionen anfertigte, an denen er sich hochziehen konnte, wie ich Geländer konstruierte, damit er ein paar Schritte gehen konnte, wie ich ihm stundenlang, wochen- und monatelang beizubringen versuchte, selbständig von einem Stuhl aufzustehen, nur damit alles  wieder gut war, nur damit er werden konnte wie die anderen.

Ich meinte auch, alles müsste möglich sein, lehnte mich gegen die Eltern auf, wollte keine Grenze sehen. Wollte einen gesunden Bruder, einen, der nicht mehr auffiel in seinem Rollstuhl,einen, der gehen konnte wie ich.

Noch heute träume ich manchmal, dass mein Bruder plötzlich aufsteht und gehen kann,einfach so mir nichts, dir nichts. Ich musste damals seine Grenzen erkennen, meine Bewegungsübungen waren für ihn eine Strapaze, sie waren zwar gut gemeint, dienten aber nicht ihm, sondern mir. Ich hatte ein gutes Gefühl, wenn ich mich mit ihm abmühte, aber für ihn war es eher eine Belastung. Andererseits waren die Anstrengungen, ihn in eine öffentliche Schule zu schicken, ein Segen. Ein Segen für ihn, für uns und für die Gesellschaft. Aber das war ein steiniger Weg, das war wirklich Pionierarbeit für uns alle.

Ich werde ihnen nun erzählen, wie das ganz konkret vor sich gegangen ist: Ein Primarlehrer einer anderen Klasse gab uns Handarbeit für Knaben. Da gab es dann von Anfang an Probleme, ich war überhaupt nicht begabt, arbeitete ungenau, er rügte mich, ich liess mir das nicht gefallen, rebellierte, schliesslich kam es so weit, dass Ich mit ein paar Getreuen erhobenen Hauptes aus der Stunde lief und mich in frechem Ton für immer verabschiedete.

Sie können ahnen, wie es weitergeht, meine Damen und Herren. Eben dieser Lehrer war es, zu dem mein Bruder elf Jahre später in die erste Klasse gehen musste. Das war ein Gang nach Canossa für mich, als ich ihn anrief und ihn um ein Treffen bat. Kurz – er bot dann meinem Bruder die Chance, in die reguläre erste Klasse einzutreten.

Ein schwieriger Weg

Das war aber erst der Anfang eines langen, schwierigen Weges. Mit äusserster Geduld und für sie ungewohnter Härte lehrte die Mutter ihn auf die Linien schreiben. Wir waren alle manchmal der Verzweiflung nahe, wenn wir seine hilflosen Versuche anschauten. So geht es nicht, sagte der Lehrer, schreiben muss er natürlich können, sonst kann er nicht in der Klasse bleiben.

Mein Bruder hat es geschafft

Er hat es geschafft. Er schreibt heute gestochen scharf, wesentlich schöner als ich, was allerdings auch keine Kunst ist. Ich erhielt ein Occasionsauto, um ihn in die Schule zu fahren. Vom Parkplatz trug ich ihn ins Klassenzimmer. Die Mutter kam in der Pause für den Toilettenbesuch. Glücklicherweise war er ein guter Schüler, sprachlich sogar hervorragend. Dann ging’s um den Übertritt in die Oberstufe. Er bestand die Aufnahmeprüfung ins Freie Gymnasium. Mit einigen Lehrern ging es gut, andere fürchteten den harmlosen Mehraufwand, ich musste unzählige Gespräche führen. Einer lud mich in den Garten ein und wies mich darauf hin, dass mein Bruder eine viel zu starke Mutterbeziehung habe. So gehe das nicht weiter, er gehöre in ein Heim, damit er sich endlich ablösen könne. Im selben Moment erschien eine alte Dame auf dem Balkon, der damals über fünfzigjährige Lehrer sagte, das ist meine Mutter, sie wohnt bei mir. „Ach so“, sagte ich beiläufig.

Unsere Mutter, eine sehr willensstarke Frau, setzte sich mit jeder Faser für meinen Bruder ein. Auch mein Vater fuhr ihn nach seiner Pensionierung in die Mittelschule, später auf die Uni. Die Gebäude waren damals überhaupt nicht rollstuhlgängig. Um den Zugang zu den verschiedenen Instituten zu ermöglichen, mussten jeweils kleine Expeditionen durchgeführt werden.

Schliesslich hatte er es geschafft, er machte sein Lizenziat in Englisch und Französisch mit einem guten Resultat. Die Odyssee hatte sich gelohnt. Die erfolgreiche Schulerfahrung und der Uniabschluss trugen entscheidend zu seiner Identitätsbildung bei. Studieren wollte er, da war, wie es so schön heisst, eine intrinsische Motivation vorhanden.

Er war von Anfang an in der Schule auch sehr gut integriert und konnte intellektuell mithalten, konnte zeigen, was in ihm steckte. Das machte ihn stolz, ja glücklich. Er war ein beliebter und respektierter Schüler, wurde nie ausgelacht, das hätte ich allerdings auch keinem raten wollen, bis heute sind einige gute Kontakte geblieben.

Fussball spielen hingegen wollte er nie, das kam ihm nicht einmal in den Sinn. Er wollte auch nicht mit anderen Behinderten in ein Ferienheim, auch wenn ich ihm das nahelegte, damit er endlich aus dem Haus kam. Er ging unbeirrt seinen Weg, letztlich liess er sich von niemandem dreinreden.

Zu sich selber ehrlich sein

Was will ich mit meinen Ausführungen sagen?

Meine Damen und Herren, wenn wir mit behinderten  Menschen zu tun haben, müssen wir vor allem vor uns selbst ehrlich sein. Es nützt nichts, wenn wir euphemistisch die Behinderung verniedlichen oder gar negieren, indem wir den Behinderten vorgaukeln, in einer anderen Gesellschaftsordnung wären sie nicht mehr behindert. Das ist eine Illusion.

Andererseits muss alles getan werden, damit Menschen mit Behinderungen ein von ihnen gewünschtes, für sie real mögliches Leben erreichen können. Es ist wahrscheinlich ein Paradoxon: Wir brauchen die Utopie der Inklusion, damit in der Gesellschaft die Denkhemmungen wegfallen, aber gleichzeitig brauchen wir auch den Blick auf die Realität des Möglichen, damit die Behinderten nicht Mittel zum Zweck werden. Nur im Dialog mit ihnen, im angstfreien, offenen Dialog, in der intensiven Auseinandersetzung mit allen Ambivalenten können wir tragfähige, neue, vielleicht sogar revolutionäre Lösungen finden, wo die abstrakten wissenschaftlichen Konstruktionen im konkreten Alltag aufgehen und nicht als moralische Forderungen lebensfähige Modelle gerade verhindern.

Zurück zu den Preisträgerinnen und Preisträgern. Ich möchte Ihnen ganz herzlich danken für Ihren immensen Einsatz, für Ihre Bereitschaft, in der konkreten Auseinandersetzung neue Lösungen zu finden, die für uns alle ganz neue Wege öffnen.

Jürg Acklin, Schriftsteller und Psychoanalytiker