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Kapitalismus ist und macht kurzsichtig

Kapitalismus ist und macht kurzsichtig
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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29. Dezember 2016

Passen Christentum und Kapitalismus zusammen? Können das Gebot der Nächstenliebe und das Gebot der Selbstbereicherung miteinander in Einklang gebracht werden, wie dies in diversen Artikeln in den Medien des öftern versucht wird? „Nein!“ erhebt Dominikanerpater Viktor Hofstetter seine Stimme und zeigt die rote Karte.

Denn er weiss, was er sagt

Wenn Viktor Hofstetter Einspruch erhebt, kommt die Kritik aus berufenem Mund: Nach dem Studium der Philosophie studierte er vier Jahre Theologie an der Fakultät der Universität Fribourg. Auf die Priesterweihe 1971 folgten fünf Jahre des Studiums der politischen Wissenschaften mit Lehrtätigkeit an den Universitäten von Northern Illinois, Chicago und Rochester NY, USA.

Unter dem Titel „Gute Christen denken kapitalistisch“ hat Gerhard Schwarz in der NZZ vom 19.12.16 postuliert, gute Christen müssten richtige Kapitalisten sein. In einem Leserbrief hat Viktor Hofstetter darauf reagiert und setzt für seine scharfe Replik, die im Folgenden wiedergegeben wird, bei einem Zitat an.

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Blasphemie in Reinform

Die katholische Kirche weiss um die Segnungen des freien Marktes und lässt auch ihre Schäfchen gutes Geld verdienen „. (Gerhard Schwarz, NZZ 19.12.16).

Wie absolut blasphemisch dieser Satz und auch das entsprechend ausgewählte Bild ist, möchte ich nicht mit einem Zitat von Papst Franziskus, sondern von Harry Belafonte belegen:

„Ich habe nie ganz verstanden, dass wir einen anderen ernsthaften Feind in unserer Mitte haben, dem wir kaum Beachtung schenken. Und das ist, dass unser Geschlecht getrieben ist oder die Schwachheit hat absoluter Habgier zu verfallen. Und ich denke wir haben es nicht fertig gebracht gewisse harte Entscheidungen zu fällen, weil wir von Besitz und Macht vergiftet sind.“

Der Autor hat die Frechheit, einen Titel zu wählen, der eindeutig an den Satz von Papst Franziskus erinnert: „ Diese Wirtschaft ist tödlich “ ( Evangelii Gaudium Nr. 53), wobei der Satz davor immer unterschlagen wird, der da heisst: „Die Wirtschaft, die ausschliesst und an den Rand der Gesellschaft drängt ist unmenschlich, und deshalb auch tödlich.“

Journalisten ignorieren konsequent den ganzen Zusammenhang

Es fällt auf, dass sich unsere Journalisten hartnäckig weigern, das Zitat im ganzen Zusammenhang zu sehen, deshalb sei hier an den gesamten Text von Evangelii Gaudium Nr. 53 erinnert:

«Ebenso wie das Gebot „du sollst nicht töten“ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschliessung und der Disparität der Einkommen“ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschliessung.»

Und falls Gerhard Schwarz noch nie einen Markt gesehen hat, der ausschliesst, empfehle ich ihm bei der nächsten Brasilienreise einen Supermarkt zu besuchen und mitzuerleben, wie die Hüter am Eingang alle Menschen abweisen, die nicht angemessen gekleidet sind.

Versuch der Vereinnahmung des Glaubens

Der gleiche Versuch der Vereinnahmung des Glaubens fand bereits im Kommentar „Gott und Geld – Wirtschaftskritik der Kirche“ von Thomas Fuster in der NZZ vom 26.11.2016 statt.

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Nur schon der Titel soll suggerieren, dass da wieder einmal mit der grossen Kelle angerichtet wird. Und auch der Lead zum Artikel sagt es deutlich: « Um das Verhältnis zwischen Kirche und Wirtschaft stand es schon besser.“

Wenn dann noch so dümmliche, um nicht zu sagen dämliche Sätze folgen wie « Seit einigen Jahren steht bei der Kirche das Schimpfen gegen Markt und Kapital wieder hoch im Kurs », dann wissen gut informierte Leser und Leserinnen, dass auch dieser Journalist vermutlich noch nie eines der eindrücklichen Dokumente von Papst Franziskus gelesen, geschweige denn seine Analysen aus über 40-jähriger Erfahrung als Bischof bedacht hat.

Ich begnüge mich damit ein Zitat aus der Rede von Papst Franziskus an die Vertreterinnen und Vertreter der 3. internationalen Begegnung der Volksbewegungen aus aller Welt am 5. November 2016 in Rom als Beweis zu liefern:

Vor fast 100 Jahren sah Pius XI. das Heranwachsen einer weltweiten Wirtschaftsdiktatur voraus, die er als »Imperialismus des internationalen Finanzkapitals« bezeichnete ( Enzyklika Quadragesimo anno , 15. Mai 1931, 109). Ich spreche von 1931! Die Aula, in der wir uns jetzt befinden, trägt den Namen »Paul VI.«, und Paul VI. war es, der vor fast 50 Jahren »eine neue, unzulässige Form wirtschaftlicher Macht … und zwar auf dem sozialen Gebiet, in der geistigen Bildung und auch in der Politik« anprangerte ( Apostolisches Schreiben Octogesima adveniens, 14. Mai 1971, 44). Das war im Jahr 1971. Es sind harte, aber gerechte Worte meiner Vorgänger im Hinblick auf die Zukunft. Schon vor Jahrtausenden haben die Kirche und die Propheten das gesagt, was jetzt so viel Anstoß erregt, wenn der Papst es in dieser Zeit wiederholt, in der all das nie gekannte Ausdrucksformen erreicht. Die ganze Soziallehre der Kirche und das Lehramt meiner Vorgänger lehnen sich auf gegen den »Götzen Geld«, der herrscht, statt zu dienen, und der die Menschheit tyrannisiert und terrorisiert. Keine Tyrannei, keine Tyrannei kann sich halten, ohne unsere Ängste auszunutzen. Das ist der Schlüssel. Daher ist jede Tyrannei terroristisch.“

Dominikanerpater Viktor Hofstetter

Dominikanerpater Viktor Hofstetter

Pater Viktor Hofstetter ist 1942 in Entlebuch geboren und aufgewachsen gehört dem Dominikanerorden seit 50 Jahren an.

Nach dem Noviziat und dem Studium der Philosophie studierte er vier Jahre Theologie an der Fakultät der Universität Fribourg. Auf die Priesterweihe 1971 folgten fünf Jahre des Studiums der politischen Wissenschaften mit Lehrtätigkeit an den Universitäten von Northern Illinois, Chicago und Rochester NY, USA.

Von 1977 bis 1989 war er als Religionslehrer an den Zürcher Kantonsschulen tätig. 1980 bis 1990 Provinzial der Schweizer Dominikaner , 1990 bis 2000 Generalpromotor für die kontemplativen Dominikanerinnen weltweit und Mitglied der Ordensleitung in Rom. Seit 2003 ist er als Vikar an der Mission catholique de langue française an der Hottingerstrasse in Zürich tätig und gleichzeitig Mitglied der hier ansässigen Dominikanergemeinschaft. In all den Jahren engagierte er sich in der Ökumene und innerhalb des Ordens im Bereich von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung mit weltweiten Verbindungen besonders nach Lateinamerika, aber auch nach Asien, Afrika und Osteuropa, sowie im interreligiösen Dialog in der Schweiz, in Europa und weltweit. Quelle: www.dominikus2016.ch

Hinweis: Das Erfolgstheater „Kloster zu verschenken“ wird am 18. Januar 2017 anlässlich des grossen Abschlusskongresses 800 Jahre Dominikanerorden in Rom aufgeführt