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Jonas lernt von uns und wir von ihm

Jonas lernt von uns und wir von ihm
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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30. Januar 2015 / 2 Kommentare

Jonas ist anders. Er ist ein Mensch mit Autismus. Und einer von uns. Jonas lernt von uns und wir von ihm. Das fordert heraus und bereichert beide Seiten. Wie das möglich ist, davon erzählt Alexander Kraus, Pastoralassistent in der Pfarrei Adliswil .

Die Propheten im Alten Testament haben den Menschen ihrer Zeit den Spiegel vorgehalten. Alle mussten lernen, sich und ihr Umfeld zu verändern, um den Gegebenheiten der Zeit und der Situation gerecht zu werden.

In unseren Dörfern und Städten leben Menschen mit Behinderung: Wir sehen Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen. Und irgendwo, so spüren wir, müssen wir uns zu ihnen positionieren. Wir müssen dazulernen, um diesen Menschen gerecht zu werden. Auch als Pfarreien.

Wie begegnen wir Menschen mit Autismus?

Vor einigen Wochen gestalteten wir einen Abend mit den Jugendlichen der 3. Oberstufe. Jonas ist darauf angewiesen, von einer Assistenzperson begleitet zu sein, die ihm vertraut ist und die weiss, wie er mit anderen in Kontakt tritt. Gäste an diesem Themenabend waren Mitarbeiter der Gehörlosenseelsorge . Sie berichteten über ihrer Arbeit und wie sie Botschaften in die Sprache der Gehörlosen übersetzen. Als praktische Beispiele übten sie mit den Jugendlichen Botschaften in Gebärdensprache ein.

Für uns war klar, dass wir an diesem Abend  auch über Autismus sprechen wollten, jetzt wo Jonas in der 3. Oberstufe ist. Im zweiten Teil des Abends erzählte die Mutter von Jonas aus dem Alltag von Menschen mit Autismus, über ihre Bedürfnisse und ihre Möglichkeiten.

Diplom Blickkontakt

Diplom, jemandem in die Augen schauen zu können_FOTO_www.autismusforumschweiz.ch

Kinokonzern zeigt Herz für Menschen mit Autismus

Als speziellen Beitrag zeigte sie einen Ausschnitt aus dem Film „Titanic“. Eine legendäre Szene zeigt die beiden Hauptdarsteller Jack und Rose zuvorderst auf der Reling des Schiffsbugs stehen, untermalt vom Song „My heart will go on“ . Millionen von Menschen rührte diese Szene zu Tränen. Menschen mit Autismus wie Jonas hilft für diese Schlüsselszene eine Übersetzung mit Untertiteln. Nicht für den Liedtext, sondern für die Emotionen: Menschen mit Autismus können Mimik und Emotionen in Gesichtern anderer Menschen oft nicht erkennen und entschlüsseln. Der Kinokonzern, bei dem die Rechte des Film liegen, erlaubte es sehr unkompliziert, diese Szene mit einem eigenen Text für Autisten zu übersetzen.

Wie sich das anfühlt, wenn man bei dieser romantischen Szene des Films auf Übersetzung durch Untertitel angewiesen ist, kann in diesem Ausschnitt nachvollzogen werden:

Quelle: Autismus Forum Schweiz from AD-Channel on Vimeo .

Jugendliche, die Jonas schon lange kennen, aber auch Jugendliche, die das Thema neu betrifft, stellten Fragen und erfuhren Grundlegendes über den Umgang mit Menschen mit Behinderungen.

Im Leben der Pfarrei gehören alle dazu

Bei uns in Adliswil gehören Menschen mit Behinderung im Leben der Pfarrei selbstverständlich dazu. So ist es bei Jonas. Jonas ist von Anfang an bei uns. Er besuchte als Kind den Heimgruppenunterricht, den Religionsunterricht bei den Katecheten, wo immer es ging. Er hat gebeichtet und die Erstkommunion mitgefeiert. Und er ist jetzt in der 3. Oberstufe. In diesem Jahr geht es um die Teilnahme an Projekten und Treffen in der Pfarrei. Wir wollen den Jugendlichen unter dem Motto „mittendrin“ Impulse für ein christliches Leben geben. Bereits im letzten Jahr ging es darum, sich für ein Praktikum zu entscheiden. Jonas sang im Chor (mim chor&band) und singt bis heute mit. Gut zu wissen: Jonas hat eine autistische Wahrnehmung.

Der Chor hält zusammen und trägt

Auch im Chor musste dazugelernt werden. Aber im Chor gibt es tolle Leute und der Chor hält zusammen und trägt. Das Praktikum ist für die meisten Jugendlichen schon vorbei, ist es doch obligatorisch und zeitlich begrenzt

Hie und da bleiben Jugendliche den Projekten verbunden und engagieren sich über das Praktikum hinaus. Sie bleiben dabei, wie Jonas. Für ihn eröffnen sich völlig neue Erfahrungen: die Musik, die Schwingungen, die Gefühle beim Singen.
Klar, am Anfang stellten sich viele Fragen:

  • Kann er bei Proben mitmachen?
  • Kann er einen Auftritt mit Konzert bestehen?
  • Kann er die Zeit für sich so strukturieren, dass es für ihn stimmt?
  • Und: Wo ist sein Platz am Treffen nach der Chorprobe?

Quelle: mimadliswil.ch

Für den Chor ist sonnenklar: Jonas wird aufgenommen. Er ist einer von uns und gehört dazu, er wird nicht bemitleidet. Und: ja, Jonas kann bei den Proben mitmachen; Ja, er kann einen Auftritt mit Konzert bestehen; Ja, er kann die Zeit so strukturieren, dass es für ihn stimmt. Und: sein Platz am Treffen ist mittendrin, denn: Jonas ist einer von uns. Das ist doch selbstverständlich, oder?!

Die Propheten? Sind mitten unter uns!

Manchmal brauchen wir in unserem Leben Propheten. Und wir kennen diese Propheten, auch in unseren Städten, die uns zum Nachdenken bringen. Wir möchten einladen und dazu motivieren, diese Menschen kennen zu lernen, mit ihnen in Kontakt zu treten. Und wenn wir in der Stadt unterwegs sind und einen von ihnen begegnen, gehen wir einfach auf sie zu, und sei es nur, wenn wir ihnen einfach nur freundlich zulächeln und winken. Wir gewinnen und lernen dazu.

Dankdiplom für Menschen mit Autismus

Dank-Diplom_FOTO_www.autismusforumschweiz.ch

Wer sich vertiefter mit Autismus auseinandersetzen möchte, findet unter www.autismusforumschweiz.ch umfassende Informationen.

Die Katholische Kirche im Kanton Zürich bietet mit der Behindertenseelsorge eine kompetente Anlaufstelle für Menschen mit Behinderungen und berät Pfarreien und Kirchgemeinden.