Kirche aktuell

Heilige Momente

Heilige Momente
Arnold Landtwing
Author
14. Oktober 2014

„Ja, es tut weh!“ steht auf einem grossen Plakat. Gesehen habe ich es nicht beim Zahnarzt, sondern am Eingang zu einem Tattoostudio. Offenbar beantwortet das Plakat eine häufig gestellte Frage.

Was bewegt eigentlich viele Menschen, diese Schmerzen auf sich zu nehmen, um ein farbiges Bild in ihre Haut stechen zu lassen? Die meisten, die mir ihre Tattoos gezeigt haben, verbinden eine ganz persönliche Geschichte damit. Erinnerungen. Ein Erlebnis. Einen Lebensabschnitt. Und wenn die grosse Liebe oder die Erinnerung an einen verstorbenen Menschen unter die Haut gestochen wird, dann darf das schon etwas schmerzen.

Zu so manchem Tattoo bekomme ich eine ausführliche Erklärung bis hin zu Lebensgeschichten, die die im wahrsten Sinn des Wortes unter die Haut gehen. Die Hautbilder widersprechen eigentlich genau dem Trend unserer Tage. Wir leben nämlich in einer Zeit, die als erinnerungslos in die Geschichte eingehen wird. Der Grund dafür? Ganz simpel: wir halten unser Wissen und unsere Bilder elektronisch auf dem Smartphone oder anderen Speichermedien fest, die es in ein paar Jahrzehnten nicht mehr geben wird. Falls überhaupt noch vorhanden, wird sie niemand mehr lesen können, weil die Technik von heute in der Zukunft veraltet ist. Besonders gegenwärtig war mir diese Erkenntnis, als ich kürzlich eines unserer Fotoalben aus dem Gestell genommen habe. Die stummen Bilder aus vergangenen Zeiten erwachten plötzlich wieder zum Leben. Und zwischen den einzelnen Bildern wurden auch wieder Erinnerungen an Geschichten lebendig, die nirgendwo festgehalten sind. So steigt in mir manchmal eine Ahnung empor, dass viele Tattoos eine Gegenbewegung gegen das Vergessen sind. Sie wollen erinnerungswürdige Momente festhalten. Sie wollen betrachtet werden, damit man davon erzählen kann. Ob ein Bild als Foto auf Papier oder symbolisches Tattoo ist schlussendlich nicht wesentlich. Hauptsache ist, wir haben Zeit füreinander und erzählen uns von unserer Trauer und Hoffnung. Von unserer Freude und Angst. Das sind heilige Momente.