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„A great job!" Solidarität mit Notleidenden in Syrien

„A great job!" Solidarität mit Notleidenden in Syrien
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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20. Juni 2014

Diverse Spenden sind aus der Katholischen Kirche im Kanton Zürich in den letzten Jahren nach Syrien geflossen – an den Flüchtlingsdienst der Jesuiten. Unser abtretender Generalsekretär Giorgio Prestele sorgte für das Engagement und beschreibt seine Begegnung mit dem diesjährigen Prix-Caritas-Preisträger Pater Nawras Sammour.

Anfrage von P. Toni Kurmann SJ von der Missionsprokur – Montagnachmittag 15 Uhr – da ist er: P. Nawras Sammour SJ, einer von zwei Preisträgern des Prix Caritas 2014 ! Etwas müde die Erscheinung – lebhaft der Blick – freudvoll und herzlich die Geste beim Wiedersehen nach rund 1½ Jahren.

Prix2014_4_N. Sammour P. KETTERER
Am 19. Juni 2012 war in der NZZ ein ausführlicher Bericht erschienen über die Arbeit des Jesuitischen Flüchtlingsdienstes ( Jesuit Refugee Service ; JRS) und namentlich von P. Nawras Sammour SJ, Regionaldirektor JRS für den Mittleren Osten und Nordafrika, in Syrien. Dieser Bericht veranlasste mich, bei P. Toni Kurmann, Leiter der Missionsprokur der Schweizer Jesuiten in Zürich, nachzufragen: was denn der JRS sei, wie er funktioniere, ob er seinen Mitbruder P. Sammour kenne usw. usf.. Die von P. Kurmann erhaltenen Auskünfte fasste ich in einem kurzen Bericht zusammen und schlug Synodalratspräsident Benno Schnüriger vor, an der nächsten Sitzung einen Soforthilfebeitrag zugunsten des JRS bzw. der Arbeit von P. Sammour zu beantragen. So wurden dann am 27. August 2012 CHF 15’000 gesprochen und zum erklärten Zweck an P. Kurmann überwiesen. Darüber hinaus wurde in Aussicht genommen P. Sammour im Rahmen eines Aufenthalts in Zürich zu treffen.

So kam es am 6. November 2012 zu meiner ersten persönlichen Begegnung mit Nawras: über Mittag trafen wir uns im Beisein von Synodalratspräsident Benno Schnüriger und den Kommunikationsfachfrauen Kerstin Lenz vom Synodalrat und Andrea Zwicknagl von den Schweizer Jesuiten. Nawras hatte sein Laptop dabei und konnte so die eindrücklichen Schilderungen über sein und seiner Mitbrüder Arbeit und das Engagement zahlreicher freiwilliger Helferinnen und Helfer mit Bildern und Kurzvideos dokumentieren.

Syrien Jesuiten Flüchtlinge
Aus diesem Treffen resultierte der Auftrag von Synodalratspräsident Benno Schnüriger, mich mit Nawras und seiner Regionaldirektion nach geeigneten Projekten für einen substanziellen Beitrag aus Zürich zu verständigen. Zusammen gingen wir zurück zum Hirschengraben, wo Missionsprokur und Büros der Synodalratsverwaltung in unmittelbarer Nachbarschaft liegen.

Und dort hatten Nawras und ich den ersten persönlichen Austausch unter vier Augen. Wir verstanden uns auf Anhieb ausgezeichnet und versprachen uns gegenseitige offene Unterstützung mit Blick auf das nun ins Rollen gekommene Unterstützungsprojekt.

„We want to do a great job together!“

Es folgte dann ein intensiver Austausch per E-Mail mit der von Nawras geleiteten Regionaldirektion des JRS. Und vor den Sportferien 2013 lag ein Projektantrag des JRS für Nothilfeleistungen in Syrien vor. Auf Englisch. Ich war (und bin noch immer) zu fest aus der Übung, um das knapp 20seitige Dokument auf Deutsch übersetzen zu können. Die inzwischen häufigeren Kontakte mit der Missionsprokur ermöglichten rasch und unkompliziert einen Übersetzungssupport: nach den Sportferien lag das Dokument integral auf Deutsch übersetzt vor. Und schon am 18. März 2012 verabschiedete der Synodalrat seinen Bericht an die Synode mit dem Antrag, dem JRS einen einmaligen Beitrag von CHF 200‘000 für sein Nothilfe-Projekt in Syrien auszurichten. Am 27. Juni 2013 stimmte die Synode diesem Antrag ohne Gegenstimme zu  und aus der Debatte war herauszuhören, dass ein späterer weiterer Antrag des Synodalrates auf offene Ohren stossen würde.

Natürlich übermittelte ich diese gute Nachricht umgehend per E-Mail an Nawras. Hier seine Antwort:

„Thank you very much for everything. Many thanks for the Catholic Church in Zurich for having given the evidence several times that it cares for us in Syria. For me, it’s not only about the material support (which is very well appreciated and important for us), it’s also about your spirit of solidarity. You care and we feel that we are not alone. That‘s enough for us“.

Vor allem der letzte Teil dieser Antwort ist Nawras, wie er leibt und lebt: Solidarität, Gemeinschaftssinn, Zusammenarbeit, sich gegenseitig helfen und stützen! Diese wenigen Stichworte sind sein Lebensmotto und das spürt, wer sich mit ihm unterhält.

Dank unseren weiteren sporadischen Kontakten, dem losen Austausch mit P. Toni Kurmann und aufgrund der zunehmend dramatischeren Situation in Syrien kamen dann weitere kleinere Beiträge zugunsten des JRS in Syrien zustande: auf Initiative von Generalvikar Josef Annen das Kirchenopfer im Rahmen des Festgottesdienstes vom 8. September 2013 (CHF 10’000) zum 50 Jahre Jubiläum und dann für Soforthilfemassnahmen nach dem ungewöhnlich heftigen Winter- und Kälteeinbruch in Syrien vor Weihnachten 2013 (CHF 20’000).

Und dann am 27. März 2014 der Hilferuf eines engen Mitarbeiters von Nawras: es seien dringend Hilfeleistungen und Kleider für Kinder nötig; dafür brauche es rund USD 30’000. Das sei im eingereichten Konzept so nicht konkret vorgesehen, ob da etwas zu machen sei. Ich kannte nur ganz wenige Leute aus dem Mitarbeiterstab von Nawras und bat deshalb P. Toni Kurmann um Unterstützung bei der Identifikation des Absenders und teilte ihm mit:

„[…] wir haben doch letztlich alle Beiträge für die Nothilfe des JRS in Syrien gesprochen. Für den grossen Beitrag der Synode war es notwendig, den entsprechenden Antrag mit einem Projekt, Programm o.ä. zu dokumentieren. Doch weiss ich gut genug, dass bei der unsäglich tragischen Dynamik, die Elend und Not in diesen Situationen haben, detaillierte Programme nicht durchzuziehen sind: Flexibilität und Improvisation sind gefragt. Bitte teilen Sie den JRS Verantwortlichen im Mittleren Osten mit, dass sie unsere Beiträge dort einsetzen sollen, wo sie am besten helfen. Ich vertraue darauf, dass P. Nawras und die ganze JRS Crew sehr genau weiss, was sie tut.

Natürlich bin ich gerne bereit zu versuchen, eine entsprechende Botschaft auf Englisch oder Französisch zu formulieren. Doch habe ich das Gefühl, es pressiert. Darum bitte ich Sie um Ihre Mithilfe“.

Am 28. März 2014 kam bereits der Dank aus Syrien, man werde alles auch genau dokumentieren.

Begegnung im Juni

Ja, und an diesem 16. Juni 2014 sitze ich währende einer ganzen Stunde mit Nawras am Hirschengraben zusammen. Sein Engagement, seine Dankbarkeit sind aus seiner Haltung und aus seinen Schilderungen immer und jederzeit zu spüren. Gespräche scheint er zu mögen, scheinen eine seiner Stärken zu sein. Angenehm, spannend, fliessender Duktus. Natürlich freut er sich über den Prix Caritas 2014! Das sei eine wunderbare Anerkennung für die Arbeit ganz vieler Leute, Freiwilligen, aus den unterschiedlichsten Religionszugehörigkeiten, seiner Crew, seiner drei Mitbrüder vor Ort. Aber eigentlich möchte er jetzt lieber in seiner Heimat sein und helfen. Und dann spricht er von seinem Mitbruder, P. Frans Van der Lugt , der (am 7. April 2014) in Homs ermordet worden sei. „Weisst Du, Giorgio“, sagt Nawras, „es ist verrückt, das so zu sagen, aber die Ermordung von Frans hat auch Gutes bewirkt: sein Wohnort, da wo er erschossen wurde, ist zu einem Ort der Stille, Einkehr und Hoffnung geworden. Da versammeln sich jeden Tag viele Leute, aller Couleurs, aller Religionen. Zum Gebet, um sich gegenseitig Mut zu machen, um sich darin zu bestärken, dass dieser hier ihre Heimat sei, die sie nicht aufgeben wollten!* Er, seine Mitbrüder und der JRS seien gegenwärtig daran, aus dieser Glut heraus, die hier entstanden sei, ein besonderes Projekt zu entwickeln. „Darüber musst Du mich auf dem Laufenden halten“, antworte ich spontan, „das könnte wieder etwas für ein gemeinsames Projekt werden“. Dann holt mich die Wirklichkeit, mein in 14 Tagen besiegelter Rücktritt ein. Ich erkläre Nawras, ich wolle mit Ruth Thalmann, der Vizepräsidentin des Synodalrats, und Markus Hodel, meinem Nachfolger, nach Luzern zur Verleihung des Prix Caritas 2014 kommen. Der Kontakt zur Katholischen Kirche im Kanton Zürich müsse unabhängig von meiner Person weiter gehen, P. Toni Kurmann werden seinen Beitrag gewiss auch leisten.

Im Nu ist eine Stunde um. Wir stehen auf, bereit zum Abschied. „Wart mal kurz!“, sagt Nawras, „gleich bin ich zurück“. Verschwindet im Haus, ist zwei Minuten später wieder da und überreicht mir eine Ikone des syrischen Künstlers Nimat Badawi, Christus Pantokrator darstellend, in Aleppo im Jahr 2012 gemalt. Ikonenkenner würden erkennen können, dass es sich um eine Ikone aus Aleppo handelt, er könne es nicht, aber er wisse es, er kenne den Künstler.

Ikone
„Das ist ein bescheidenes Zeichen meines, unseres Dankes. An Dich, an die Leute der Zürcher Kirche, denen ich begegnen durfte. Bitte richte Ihnen das aus. Und nochmals danke für alles“! Umarmung. „Bis übermorgen in Luzern“.

Die Ikone zeige ich im Centrum 66 Synodalratspräsident Benno Schnüriger und Generalvikar Josef Annen. Markus Hodel wird sie an der Synodalratssitzung vom 23. Juni 2014 allen Synodalratsmitgliedern zeigen und dann Josef Annen als Schmuck fürs Generalvikariat übergeben.

Luzern, 18. Juni 2014, KKL, 17:30 Uhr, Verleihung des Prix Caritas 2014 an Nawras und Wael Suleiman, Direktor von Caritas Jordanien.

Schlichte, berührende Zermonie und Laudation mit ebenso berührenden Dankesreden der beiden Preisträger. Nawras Dankesrede ist grossartig: Dank und zugleich fast Gebet!

Im Anschluss an die Feier gibt’s eine Apéro auf der KKL-Terrasse vor ihrer eindrücklichen Kulisse. Hunderte von Leuten. Grüsse nach links, nach rechts. Ich habe Nawaras versprochen, ihm Markus Hodel, meinen Nachfolger vorzustellen. Die Menge lichtet sich, dort sehe ich Nawras im Gespräch. „Komm, Markus!“. Herzliche Begrüssung, kurze Vorstellung, Markus macht mit seinem Handy ein Foto von Nawras und mir.

Prix Caitas Sammour Prestele

Markus und Nawras unterhalten sich. Ebenfalls kurz. Abschiedsworte.

Umarmung.

Viel Glück. Gute Reise.

Auf Wiedersehen!

Jetzt, da ich diese Zeilen abschliesse, ist Donnerstag, 19. Juni 2014, 18:30 Uhr. Auf den Tag genau vor zwei Jahren habe ich erstmals über Nawras und seine Arbeit in der NZZ gelesen. Jetzt sitzt er im Flugzeug nach Beirut, Ankunft heute Nacht um 24 Uhr. Und dann? „Weiss ich noch nicht, muss dann schauen wie ich weiterkomme nach Damaskus! Tschau“. „Tschau, Gott segne Dich, reise gut“!

Zürich, 19. Juni 2014 / Giorgio Prestele