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Gottesdienst-Check in Zürcher Kirchen: Top oder Flop?

Gottesdienst-Check in Zürcher Kirchen: Top oder Flop?
Gabriella Hofer
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10. Januar 2017 5 Kommentare

Bewerten von Gottesdiensten ist delikat und sorgt für hitzige Diskussionen. Redaktorin Gabriella Hofer hat für den Tages-Anzeiger 2016 Gottesdienste besucht und zieht in unserem Blog Bilanz.

Es gibt kein Durchkommen. Vor dem mächtigen Kirchenportal stehen die Menschen Schlange.

«Sie müssen sich mindestens 30 Minuten gedulden, vorher kann ich Sie nicht reinlassen», sagt der Sakristan, «die Kirche ist voll.»

Kein Gottesdienst – volle Kirche

Es ist Vormittag am Heiligabend. In Berlin. Hier, bei der Familie meiner Tochter, verbringe ich die Festtage. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche liegt ein Kondolenzbuch für die Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz auf. Kirchgänger schreiben Gebete ins Buch und «Wo bist du, Gott?» oder «Friede im Himmel wünsche ich euch!» Kerzen werden angezündet. Tausende kommen in die Kirche – zur Besinnung.

Christmette – halbleere Kirche

Ein gutes Durchkommen im Stadtteil Schöneberg. Da sind es nicht einmal hundert Leute, kurz vor 23 Uhr. Posaunen und Trompeten stimmen auf die Christmette ein. Die kleine Kirche ist halbleer. Mein Schwiegersohn, der es vorzog, zu Hause zu bleiben, wünschte mir vor dem Kirchgang «Viel Spass!» Spass habe ich nicht (erwartet). Nur einen schön feierlichen Gottesdienst. Die evangelische Pfarrerin erzählt die Weihnachtsgeschichte – mit den Augen und Gedanken eines jungen Mannes, der seine Heimat verliess, in der Hoffnung, im Westen das Paradies zu finden. Sie wählt einfache Worte, baut die Geschichte auf, ohne sie aufzubauschen. Eine Geschichte, die von Glaube, Liebe und Hoffnung erzählt.

Und wer zwischen die Zeilen horcht – wer will -, hört auch etwas von Verantwortung des Menschen für die Welt. Friedenskerzen werden angezündet. Darum gehe ich in die Kirche – zur Besinnung.

Werte und Bewertungen

Volle Kirche bei einem Nicht-Gottesdienst, fast leere Kirchen in «alltäglichen» Gottesdiensten.

Fakt ist: Menschen gehen heutzutage in die Kirche, wenn ihnen danach ist. Punkt.

Eine volle oder leere Kirche sagt nicht zwingend etwas über die Qualität kirchlicher Angebote aus. Und ob ein Gottesdienst gut oder schlecht ist, das ist auch nicht immer (nur) des Pfarrers Schuld. Es braucht auch die eigene Bereitschaft, sich für den Glauben zu öffnen. Offen sein für das, was kommt. «Was wollt ihr?» fragte Jesus ( Joh. 1,38) , als er sah, dass sie ihm folgten. Sie sagten: «Meister, wo wohnst du?» Er antwortete: «Kommt und seht!»

Gottesdienst-Check im Tagesanzeiger

Ich habe im letzten Jahr 32 Gottesdienste besucht, katholische und reformierte. 15 davon im Auftrag des « Tages-Anzeigers ». In der Serie «Glaubensfragen», die einmal monatlich im Zürich-Teil erscheint, schreibe ich über die Predigten, die ich gehört habe, über Kirchgänger, die in der Andacht die Anwesenheit Gottes erfahren möchten und über meine persönliche Glaubensauffassung und meine Erwartungen an den Kirchenbesuch. ( «Das glaube ich nicht», TA vom 13. 1. 2016 )

Was verpasst eigentlich, wer keine Gottesdienste besucht? Mit dieser Frage machte ich mich auf den Weg. Und erlebte feierlich-fromme, fröhlich-flotte, laute und leise, moderne und ewiggestrige Gottesdienste. Das ist Kirche in der Stadt Zürich.

In der reformierten Kirche Oerlikon vermittelt Ralph Müller Werte, die die Gesellschaft zusammenhalten. «Er tut einem einfach gut», sagen die Kirchgänger über ihren Pfarrer, der jeden einzelnen Gottesdienstbesucher mit Handschlag willkommen heisst. «Er spricht von mir und dir», predige nie von oben herab. «Was weisen wir – auch ich – andere zurecht, wenn wir doch selber keine Spur besser sind?» gibt er in seiner Predigt zum Thema Sünde beispielsweise zu bedenken. ( «Eine Spur besser», TA vom 21. 1. 2016 )

Im Gottesdienst von Markus Vogel in der katholischen Kirche Liebfrauen in Zürich-City erlebte ich eine Offenbarung. Der Priester sprach zur Apokalypse des Johannes . Das war nicht nur eine aufschlussreiche Einführung in die rätselhafte Sprache und die Symbole dieses Bibeltextes – es war auch hier der Geistliche, der überzeugte. Die Offenbarungstexte scheinen ihn selber sehr zu faszinieren, und es bereitete ihm hörbar Freude, die Predigt zu halten. («Da ist der Teufel los», TA vom 19. 4. 2016)

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Katholische Kirche St. Franziskus, Zürich-Wollishofen: «Die Gesinnung, nicht der Ort ist entscheidend.» (TA vom 29.10.2016) Foto: Doris Fanconi/Tages-Anzeiger

Ermüdet hatte mich der Besuch in der katholischen Kirche Heilig Kreuz in Altstetten . Das war zwar ein liturgisch tadelloser Gottesdienst, aber mir fehlte die persönliche Note. Pastoralassistent Joachim Schwarz thematisierte die Berufung des Menschenfischers Petrus und las – zugegeben gute – Texte von Augustinus und Rabbi Sussja vor. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass der Kirchenmann eigene Erfahrungen anführt, wenn er schon vom «Mut, zu sich selbst zu stehen» redet. Ein Pfarrer oder Pastoralassistent sollte im Einklang sein mit dem, was er selber fühlt und erlebt, dann wirkt er für mich glaubwürdig. ( «Tun, was mir guttut», TA vom 15. 2. 2016 )

Total enttäuscht war ich vom Gottesdienst in der reformierten Andreaskirche im Sihlfeld . Dort gibt es keinen Sonntagsgottesdienst mehr, dafür am Freitagabend ein «Feierwerk» . (Pfarrer Thomas Schüpbach findet den Begriff Gottesdienst «verstaubt»). Als ich zu Besuch war, gab es keine Predigt, das Wort «Gott» wurde gar tabuisiert, es wurden Sorgenpüppchen gebastelt, und weil man ja so hip und cool ist, wurde gesmalltalkt und geaperölet. Ich will aber geistliche Nahrung bekommen für mein Leben als Christ! ( «Basteln gegen die Sorgen», TA vom 3. 10. 2016 )

Vier Beispiele, vier unterschiedliche Gottesdiensterfahrungen. Gut möglich, dass andere die Gottesdienste ganz anders erlebt haben, obwohl sie zur gleichen Zeit in denselben Kirchen waren wie ich. Nicht jeder ist in der gleichen Stimmung, nicht jedes Predigtthema geht jeden gleichermassen an.

«Kommen Sie einmal in unsere Kirche!»

Das schrieben mir auch viele Leserinnen und Leser und machten Vorschläge für «andere», «bessere» Gottesdienste. Auch einige Einladungen von Kirchenverantwortlichen waren dabei: «Kommen Sie einmal in unsere Kirche!» schreiben sie, «es würde uns freuen, einmal eine Beurteilung über unsere Gottesdienste zu lesen.»

Der Kirchenbesuch ist also ein Thema. Und darum scheint es mir richtig und wichtig, dass über Gottesdienste berichtet wird. Auch kritisch. Ich werde den TA-Kirchencheck im 2017 weiterführen. Als Anstoss zu einem Gesprächs-, Austausch- und wer weiss, vielleicht hier und dort zu einem Veränderungsprozess. So gesehen hat letztlich auch ein gefühlt schlechter Gottesdienst etwas Gutes.

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Gabriella Hofer ist Redaktorin beim «Tages-Anzeiger» . Sie ist reformiert getauft und katholisch gefirmt.

Nach einer Zusatzausbildung zur Katechetin vor einigen Jahren belegt sie seit Herbst 2015 den Studiengang Theologie am Theologisch-pastoralen Bildungsinstitut TBI in Zürich .