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Flüchtlinge - Barmherzigkeit - 1. August

Flüchtlinge - Barmherzigkeit - 1. August
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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01. August 2016

Thomas Hartmann, Pfarreibeauftragter von „Heilig Kreuz“ in Oberrieden, hielt in diesem Jahr in seiner Gemeinde die 1.-August-Rede. Wir dokumentieren seine Ansprache.

Thomas Hartmann, Pfarreibeauftragter Pfarrei Heilig Kreuz, Oberrieden

Thomas Hartmann, Pfarreibeauftragter Pfarrei Heilig Kreuz, Oberrieden, bei seiner 1.-August-Ansprache

Liebe Schweizerinnen und Schweizer, liebe Mitmenschen aus allen Nationen, liebe Oberriedner und Oberriednerinnen, liebe Damen und Herren des Gemeinderates, liebe Festgemeinde!

Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ wählt jedes Jahr ein Wort aus, das Deutschland sprachlich besonders stark bestimmt hat. Das Wort des Jahres 2015 war das Wort „Flüchtlinge“. Nicht nur in Deutschland, auch hier in der Schweiz waren die zahlreichen „Menschen auf der Flucht“ im vergangenen Jahr das Thema Nummer 1.

Ich weiss nicht, welche Gedanken und Gefühle in Ihnen hochsteigen, wenn ich die Worte „Migration“ und „Flüchtlinge“ in den Mund nehme? Ist es eher ein beklemmendes Gefühl, Unsicherheit und Angst – vielleicht insgeheim Angst vor Wohlstandsverlust – oder aber eine gesunde Neugier und der gesunde Wille zum Kennenlernen, der Impuls zur Hilfsbereitschaft? Schauen Sie: Alles, was uns fremd ist, macht uns zunächst einmal Angst. Das ist völlig normal. Erst wenn wir uns vertraut machen – mit fremden Dingen, mit fremden Bräuchen, mit fremden Menschen… – erst dann kann diese natürliche Angst kleiner werden, kann diese Angst weichen und verschwinden, erst dann können Vertrauen, Zuneigung und Wertschätzung wachsen, kann Integration nachhaltig gelingen. Es braucht also eine gewisse Offenheit, eine gesunde Gelassenheit, es braucht Interesse am einzelnen Menschen – Freundlichkeit und Wohlwollen, so dass diese Kinder und Erwachsenen, so dass diese Einzelpersonen oder Familien, sich hier bei uns wohlfühlen und Wurzeln schlagen können. Niemand von uns weiss, ob und wann sie in ihre Heimat zurückkehren können oder werden. Sicher ist – zunächst müssen wir lernen miteinander zu reden – zunächst vielleicht nur mit Händen und Füssen, dann mit einzelnen Worten und Gesten. Deutsch-Kurse sind wichtig…- ohne gemeinsame Sprache ist eine Verständigung sehr mühsam und oft aussichtslos. Erst eine gemeinsame Sprache macht es möglich, Regeln und Bräuche, die hier bei uns gelten, zu erklären – zu zeigen, wie das hier bei uns läuft, was uns wichtig ist. Miteinander reden, einander kennen- und schätzen lernen… – so können Beziehungen und sogar Freundschaften wachsen, so kann Integration gelingen.

Gerade heute am Nationalfeiertag, am 1. August, wo ja immer auch das Thema „Heimat“ und „Verwurzelung“ mitschwingen, können wir uns wohl ganz gut einfühlen, wie das ist, wenn eine Familie alles „Hab und Gut“, alle Freunde und Verwandte zurücklassen und flüchten muss. Wenn du nur noch dein Leben retten willst und einfach abhaust, wenn du nicht weisst, wo und wie es weitergehen soll und kann, da bist du froh und dankbar für jede Unterstützung.

Was wird wohl das Wort des Jahres im Jahr 2016 werden? Wird es das Wort „Barmherzigkeit“ sein? Alle Katholiken und alle, die den letzten Oberriedner Brief aufmerksam gelesen haben, wissen, dass Papst Franziskus das „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen hat, um nicht nur uns Katholiken, sondern um alle Menschen guten Willens zu animieren, zu „Tätern der Liebe“ zu werden. Das wäre ja der Knüller – wenn es tatsächlich gelingen würde als Antwort auf diese Herausforderung „Flüchtlinge“ – wenn das „Jahr der Barmherzigkeit“ konkrete „Früchte“ zeigen würde – wenn wir Menschen unser Herz in die Hand nehmen, wenn wir mutig und mit Freude „erste Hilfe“ leisten… wenn wir Vorurteile und Ängste abbauen und so etwas wie eine „Willkommens-Kultur“ aufbauen könnten.

Ich möchte mit Ihnen heute Abend gerne ein paar Gedanken teilen zum weiten und wichtigen Thema der „Barmherzigkeit“. Was heisst für Sie eigentlich „Barmherzigkeit“? Welche Gedanken kommen Ihnen, wenn Sie dieses Wort hören? Im Wort „B-arm-herz-igkeit“ steckt das Herz und der Arm! Wenn also das, was mein Herz bewegt, wenn das, was mein Herz mir sagt, wenn meine innerste Betroffenheit zur Tat drängt, den Weg in die Arme findet – damit diese anpacken und helfen – das ist Barmherzigkeit! Oder noch einfacher formuliert: „Ein Herz für Arme haben!“ und das sind nicht nur materiell „Arme“ – es gibt heute zahlreiche Formen von Armut – die einen haben keine Zeit, andere sind arm dran, was ihre Gesundheit angeht, wieder andere – sogar schon zahlreiche junge Menschen – haben keine Lebensfreude mehr, haben mit schweren Depressionen zu kämpfen …- ja, es gibt viele Formen von Not, wo wir hingehen und helfen können. Manchmal dürfen/müssen wir auch „barmherzig“ mit uns selber sein…

Es reicht eben nicht, wenn wir am Sonntag-Morgen in der Kirche fromme Lieder singen…- und dann am Werktag keine Taten der Nächstenliebe folgen, wenn unser Glaube sich nicht im Alltag zeigt.

Es reicht nicht, wenn wir denken: Ja, hier bei uns in Oberrieden, da gibt es ja die „Nachbarschaftshilfe“ – die machen das schon! An meinen , an unseren Taten sollte ablesbar sein, wer wir sind, zu wem wir gehören. Stimmen meine Taten überein mit dem, was ich glaube? Die ersten Christen, die ja noch sehr stark im jüdischen Kontext verwurzelt waren, die konnten damals durch ihr Tun überzeugen – und sie überzeugten v.a. durch ihre Gastfreundschaft. Die „offene Tür“ war sozusagen das Erkennungszeichen. Echte „Gastfreundschaft“ ist – in ihrer urspr. Bedeutung – wenn ein „Gast zum Freund“ wird. Allerdings: Gäste damals vor 2000 Jahren waren immer „Überraschungs-Gäste“ ohne Voranmeldung – heute ist das anders. Da laden wir Gäste ein … und wählen aus, wer uns genehm ist, bei und mit uns am Tische zu sitzen.

Dennoch bin ich mir sicher: Der gelebte Glaube überzeugt auch heute noch – wirkt auch heute noch ansteckend. Bereits im Jakobus-Brief können wir lesen: „Ein Glaube ohne Werke, ist ein toter Glaube!“ (Jak 2,17) Und im Matthäus-Evangelium sagt Jesus: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Mt 7,16)

Wir stehen und gehen mitten im „Jahr der Barmherzigkeit“. Politik und Glaube treffen sich im Wort „Barmherzigkeit“. In einer gelebten Barmherzigkeit braucht es mutige politische Entscheide, aber auch Menschen, die ihr Herz sprechen lassen. Herz und Kopf müssen hier zusammenfinden – sollten eine Einheit bilden.

Eines der 6 leiblichen Werke der Barmherzigkeit ist ja: „Obdachlosen“ die Tür zu öffnen – ins eigene Haus aufzunehmen. Hand aufs Herz – sind wir nicht alle froh, dass dies der Gemeinderat für uns alle „managt“? Dass die uns zugewiesenen 0,7% an „Flüchtlingen“ von der Sozialvorsteherin, Claudia Schwager, willkommen geheissen werden, und sie und weitere Mitarbeitende ihnen eine Wohnung und Bleibe suchen? 35 Menschen sind es derzeit, die hier in Oberrieden eine „neue Heimat“ suchen. Haben Sie schon mal einen von Ihnen gesehen oder gar kennengelernt? Haben Sie schon mal einen Kontakt gewagt? – 35 Menschen, die aus welchen Gründen auch immer „flüchten“ und auf dieser Flucht übers Meer womöglich ihr Leben riskieren mussten.

0.7% – diese Zahl verwundert viele aus dem Ausland, mit denen ich hier und da ins Gespräch komme – Menschen aus Deutschland oder Schweden, wo Gemeinden ganz andere Zahlen von Flüchtlingen stemmen müssen. Ein Freund von mir wohnt in Heigenbrücken im Spessart – etwa 2200 Einwohner (also nicht einmal halb so gross wie Oberrieden), die haben gegen 200 „Flüchtlinge“ untergebracht (das sind ca. 9%) – und es klappt alles sehr gut, wie er mir sagt. Die Kinder der Migrations-Familien beleben so manche Strasse und Häuser, die leer stehen, die vor dem Aussterben bedroht sind. In Schweden – so erzählte eine Jugendliche in Taizé – da hat ein Dorf / eine Gemeinde sämtliche Ferienwohnungen gemietet, um die etwa 2000 Menschen unterzubringen. Wir müssen also nicht in Panik verfallen – falls die 0,7 % noch auf 1% erhöht werden sollten. Wo der „gute Wille“ ist, da ist viel möglich.

Natürlich gibt es hier und da auch Probleme – es prallen ja oft ganz unterschiedliche Kulturen und Bedürfnisse aufeinander. Oft sind es Menschen, die traumatisiert sind – die Krieg und Terror hautnah miterleben mussten. Ich möchte da wirklich nichts beschönigen oder schönreden.

Unser „Unbehagen vor Flüchtlingen“ hat vielleicht auch damit zu tun, dass uns in den letzten Wochen und Monaten in immer kürzer werdenden Abständen Meldungen über Attentate, Anschläge oder Amokläufe beschäftigen. Die Gewalttaten, mit denen wir in den letzten drei Wochen konfrontiert wurden, sind unfassbar: Erst am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, 84 Tote in Nizza, vorletzte Woche sogar ein Attentat in einem Regionalzug in meiner unterfränkischen Heimat bei Würzburg und am Freitagabend derselben Woche ein Terroranschlag vor einem Einkaufszentrum in München. Selbst in einer Kirche in Frankreich wurde am letzten Dienstag während eines Gottesdienstes ein Priester ermordet. Manche reden jetzt schon vorschnell von einem „Religionskrieg“. Diese uns alle bis auf die Knochen erschütternden Selbstmord- Attentate des IS und deren zahlreiche Versuche, unschuldige Menschen in den Tod zu reissen, sorgen für eine hohe Verunsicherung unter vielen Menschen. Ehrlich gesagt, auch mir fehlen da die Worte. Da spüre ich eine grosse Wut, aber auch viel Ohnmacht in mir. Wie können Menschen so fanatisch und blind sein, so kalt und herzlos Leid und Tod säen? Kein Land, keine Stadt ist heute mehr sicher vor solchen Gewalt- und Terror-Anschlägen. Unsere heutige Welt ist sehr turbulent, unruhig und zugleich unsicher geworden. „Terror-Angst“ treibt Schweizer zum Waffenkauf“ – so eine Schlagzeile in „20 Minuten“ vor 8 Tagen (24.7.). Ich frage mich, ob das die richtige, die angemessene Antwort ist, auf diese brisante Herausforderung. Vielleicht sollten wir doch besser auf unsere Polizei- und Sicherheitskräfte vertrauen, als selber „Sheriff“ spielen zu wollen. Auch wenn Gewalt und Terror uns immer wieder erschrecken und verunsichern – Terror darf nicht unser Leben bestimmen. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen. Natürlich lohnt es, sich zu fragen: Wie kommen Menschen dazu, sich selber und völlig unschuldige Menschen zu töten? Was muss im Leben und in der Psyche eines Menschen schief gelaufen sein, dass er keine Hemmungen mehr hat, menschliches LEBEN so geringzuschätzen?

Wer gar behauptet im Namen Allahs solche Greueltaten zu verrichten, der irrt gewaltig, der lästert Gott – ja das ist in meinen Augen „Blasphemie“. Denn „Gott“ ist „Liebe“. Gott verabscheut Gewalt und Terror.

Schauen Sie: Es hilft uns hier überhaupt nicht weiter, den Islam generell zu verdächtigen oder gar an den Pranger zu stellen. Im Gegenteil: Wer sich näher mit dem Thema „Islam“ beschäftigt, merkt sehr schnell, dass der Islam so wie alle grossen Weltreligionen für Versöhnung und Frieden eintritt – und jegliche Gewalt ablehnt. Der Rechts- und Islamgelehrte Shauki Allam (Grossmufti von Ägypten) betont: „Diese Angreifer, egal wo sie ihre abscheulichen Verbrechen verüben, haben keine Beziehung zum Islam. Solche Verbrechen sind nicht Teil des Islam“ . Und im Koran können wir selber lesen: „Der Mensch ist verloren ohne Glauben und gute Taten.“ Sure 103, 2-3 ( Ahmadiyya )

Ja – es gibt so viel Gutes in und viel Verbindendes unter den grossen Welt-Religionen. Die Goldene Regel „Alles, was du willst, das andere dir tun , das tue auch ihnen!“ – diese Goldene Regel aus der Bergpredigt, die gibt es sinngemäss in allen grossen Weltreligionen. Wenn wir Menschen stärker unseren Glauben leben, wenn Versöhnung und Barmherzigkeit unseren Alltag prägen würden, dann könnte unsere Welt ohne Gewalt auskommen. Ich weiss – ein Traum, eine Vision…- aber denken Sie dran: „Wo viele Menschen gemeinsam träumen, dort beginnt eine neue Wirklichkeit!“

Aber wie kommen wir zu einer solchen „neuen Welt“ – zu einer Welt voller Güte und Liebe?

Basilius von Caesarea hat bereits im 7. Jahrhundert geschrieben: „Du wirst Gott ähnlich, indem du gütig bist. Suche nach Barmherzigkeit und Güte!“ Der Mensch – so können wir im Buch Genesis lesen – der Mensch ist „Abbild Gottes“. Ein schöner, aber auch herausfordernder Gedanke: Wir können Gott ähnlich werden, wenn wir Güte wagen und Barmherzigkeit üben. Geben wir also der Barmherzigkeit, der Liebe und der Güte Priorität in unserem Leben. Lassen wir das Wort „Barmherzigkeit“ zum Wort des Jahres 2016 werden. So können wir dieser Welt neue Hoffnung geben und gemeinsam das Antlitz dieser Erde verwandeln. Mit einem Zitat von Mahatma Gandhi möchte ich schliessen. Der uns allen bekannte Friedensnobelpreisträger sagte einmal: „Sei Du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt!“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.