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Finger weg von meinem Erbgut!

Finger weg von meinem Erbgut!
Arnold Landtwing
Author
07. Mai 2015 3 Kommentare

Mir kräuseln sich die Nackenhaare und die Zehennägel rollen sich nach hinten. Jetzt ist das geschehen, wovor Wissenschaftlern gewarnt und sich auch gefürchtet haben. Zum ersten Mal hat ein Forscherteam experimentell in die menschliche Keimbahn eingegriffen. Es hat Gene an bestimmten Stellen auseinandergeschnitten und wieder zusammengeschweisst. Das Echo in den Medien war gross und hat zu vertieften ethischen Diskussionen Anlass gegeben.

So weit wie das chinesische Forscherteam hat sich noch nie jemand zu gehen gewagt, weil

  • es ethisch zu bedenklich ist
  • die Folgen nicht abgeschätzt werden können.

Damit sind die Türen geöffnet, das menschliche Erbgut so zu verändern, dass ganz gezielt bestimmte Eigenschaften weitervererbt werden können. Im Extremfall gibt es dann menschliches Leben auf Bestellung mit ganz genau definierten und optimierten Eigenschaften.

Wenn ich mich selber anschaue, dann ahne ich: In einer solchen Welt dürfte es mich dann gar nicht mehr geben. Warum? Ganz einfach: Man müsste mein Erbgut mehrfach auseinanderschnipseln, Defekte rausschneiden und das Ganze wieder zusammenschweissen. Bleibt die Frage, was ich dann für ein Mensch wäre.

Optimiert? Perfekt?

  • Optimal ist, dass ich gerade wegen meiner Kurzsichtigkeit ohne Brille keine Lupe brauche, um kleinste Details scharf sehen zu können, wenn ich etwa mit kleinen Schrauben hantiere.
  • Mein Gang ist wegen des Hüftschadens nicht sonderlich elegant, aber das hat mich weder bei Bergtouren noch beim Kampfsport je eingeschränkt. Und schon gar nicht in meinem Alltag. Im Gegenteil: Wer mich kennt, ortet mich inmitten einer Menschenmenge von Weitem.

Perfekt ist, dass ich genau so bin wie ich bin. Mit meinen Ecken und Kanten. Mit meinen Stärken und Schwächen. Sie machen mich so einzigartig und unverwechselbar.

Abstimmung zu Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich (Präimplantationsdiagnostik)

Zugegeben: Die chinesischen Forscher sind mit ihrem Eingriff in die menschliche Keimbahn viel weitergegangen als das, worüber wir am 14. Juni an der Urne entscheiden. Die „Änderung des Verfassungsartikels zur Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich (Präimplantationsdiagnostik)“ will nur die Anzahl Embryonen bei künstlicher Befruchtung regeln und die Präimplantationsdiagnostik (PID) in der Schweiz erlauben.

Präimplantationsdiagnostik: ein schwer auszusprechendes und noch schwieriger zu erklärendes Wortungetüm. Wie würden Sie es erklären? Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund hat es versucht und dabei in einem Kurzvideo auf die Mithilfe von Kindern gebaut.

Die Bioethik-Kommission der Schweizer Bischofskonferenz hat schon vor zwei Jahren davor gewarnt, dass die PID auf eine schiefe Bahn führen kann. Das Aufweichen der bisher bestehenden Einschränkungen führt unweigerlich in eine Ausweitung, bei der eine Selektion menschlichen Lebens vorgenommen wird. Allein schon die Tatsache, dass statt 3 Embryonen neu 12 pro künstlicher Befruchtung erlaubt sein sollen, lässt aufhorchen. Wenn diese Tür einmal geöffnet ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis überzählig angefallene Embryonen zum Experimentieren freigegeben werden. Sie sind ja vorhanden. Und wertvoll. Da sie zu schade sind, um sie wegzuwerfen, darf dann die Forschung das grosse Tor zum Experimentieren am Erbgut öffnen. Eine wahrlich düstere Zukunftsvision. Unser Entscheid an der Urne wird Konsequenzen nach sich ziehen, die wir heute noch nicht mal erahnen können.

Gott ins Handwerk pfuschen? Nein danke!

Wir dürfen nicht alles, was wir können. Oder wollen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ein menschliches Produkt als Kopie aller erdenklich besten genetischen Voraussetzungen sein? Ich nicht. Ich gehe lieber als Original meinen Weg, im Bewusstsein, dass ich Gott und dem Leben nicht ins Handwerk pfuschen darf. Als Theologe kommt mir da immer wieder der Griff nach dem Apfel der Erkenntnis in den Sinn (Gen 3,1-24).  Es ist noch nie Gutes und Zukunftsweisendes entstanden, wenn der Mensch Grenzen übertrat – die Einsicht ist immer eine späte.