Kirche aktuell

Es will Ostern werden

Es will Ostern werden
Andrea Thali
Andrea Thali ist die Co-Leiterin des ökumenischen Flughafenpfarramtes in Zürich-Kloten. Die katholische Theologin arbeitet bereits seit 2001 als Seelsorgende am Flughafen.
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18. April 2014

In die Arbeitsstille in meinem Büro am Flughafen dringt in fremder Sprache eine verzweifelte, unüberhörbare Stimme. Von der Galerie aus oberhalb des Check-in 1 ist eine junge Asiatin zu sehen, die sichtlich aufgewühlt in ihr Handy schreit. Sie erinnert mich an jene Japanerin, die sich wild gestikulierend vor einem Infoschalter zu Boden warf. Noch immer höre ich in mir jenen Vater, der auf dem Weg vom Gate zur Ankunft, wieder und wieder schmerzerfüllt nach seiner in den Ferien verstorbenen Tochter ruft. Ich erinnere mich an das leise Weinen einer Frau, die in der Flughafenkapelle einen geschützten Ort aufsuchte, um ungestört ihren Tränen freien Lauf zu lassen.

Verstörend, schmerzhaft – freudig

Diese Stimmen voller Schmerz und Trauer sind eingewoben in den Klangteppich der Flughafenwelt. Manche versickern, werden kaum wahrgenommen; andere verstören jene Reisenden, die vorfreudig plaudernd durch die Terminals strömen. Hallo und Willkommen echoen im Ankunftsbereich, Glockengeläute, Klatschen und Kinderstimmen voller Wiedersehensfreude. In einer Warteschlange wütendes Schimpfen, dort ein entnervter Reisender, der sich im dichten, bunten Menschenstrom verliert; im Hintergrund die vertrauten Panflöten- und Gitarrenklänge von Octavio und Nestor. Und über all diesem Reden, Singen und Rufen wie eine Wolke schwebend die wunderbar weiche, geschulte Stimme aus dem Lautsprecher, die auffordert sich zum Gate zu bewegen.

Es will Ostern werden!

Im Andachtsraum des Flughafens will es Ostern werden. Die stummen Gebete, die sich nach Auferstehung, nach neuem Leben, nach Befreiung von Schmerz und Not sehnen, sind unsichtbar präsent – Spuren davon in den brennenden Kerzen, im Anliegenbuch auf dem Ambo.

Andrea Thali in der Flughafenkapelle mit der noch nicht brennenden Osterkerze.

Andrea Thali in der Flughafenkapelle

Im Kontrast zur Betriebsamkeit in den Terminals ist es hier still. Nur gedämpft dringen die Stimmen von draussen hinein. Wir haben den Innenraum betreten. Ich höre das leise Summen der Lüftungsanlage. Von weitem Flugzeugmotoren. Es will Ostern werden. Es ist Frühling. Alle Jahre wieder nisten sich in den Nischen vor den Fenstern die Vögel ein und tragen den Klang der Lebensfreude in den Vordergrund. Die Schreie der Not verblassen und werden vom lebendigen Singsang überwunden. Vogelstimmen spenden Trost und Zuversicht. Es wird wieder Frühling.

„Welch ein Glück, dass ich den Frieden des Dschungels im Herzen trage.“

Jane Goodall hatte viele Jahre damit verbracht, sich in Tansania der Verhaltensforschung der Schimpansen zu widmen. Nachdem sie an einer Konferenz über den ethischen Umgang mit Tieren die geballte Ladung Gewalt sah, denen die Schimpansen täglich ausgesetzt sind, entschied sie, nicht mehr in ihren geliebten Dschungel zurück zu kehren, sondern sich fortan weltweit in der Bildung zum Schutz der Schimpansen zu engagieren. Jahrelang zog sie durch die Welt mit ihrer Botschaft des Friedens – im Herzen den Klang des Dschungels. Ich sehe eine beseelte Frau inmitten des sanft sich im Wind wiegenden Blätterwerks aufrecht stehen.

Christos anesti – Jesus lebt!

Ostern geht nicht ohne Sterben, ohne Zurücklassen und ohne Verwandlung. In diesem pulsierenden Flughafenkosmos ist das ganze Lebensspektrum gegenwärtig. Schmerz und Glück nahe beieinander. Tod und Auferstehung. Ich bin Menschen begegnet, die unsägliches Leid ertragen haben; die aufgestanden und weiter gegangen sind. Sie lachen wieder. Viele haben erfahren, dass aus der Tiefe ihrer Not ganz unerwartet ein neuer Klang zum Leben erwacht ist – wie damals bei Maria aus Magdala, als sie das Grab leer fand und dann Jesu Stimme hörte. Am Flughafen ein Aufschrei in der Not, eine stille Trauer, eine leise Hoffnung, das Überwinden und die Freude der Rückkehr ins Leben. Ich höre jenen Freund, der mit kräftiger Stimme ruft: „Christos anesti“. Er lebt.

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