Kirche aktuell

Das Kind, das in der Babyklappe lag

Das Kind, das in der Babyklappe lag
Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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03. Januar 2014

In einer Berliner Tageszeitung erschien einmal kurz vor Weihnachten die Geschichte von einem Paar, das sein neugeborenes Kind in eine Babyklappe gelegt hatte. Die junge Frau und ihr Mann verfahren sich auf dem Weg zum Krankenhaus, Polizisten zeigen den Weg zur Babyklappe. Nach drei Tagen voller Zweifel rufen die jungen Eltern im Krankenhaus an und treffen auf verständnisvolle, sie unterstützende Ärzte und Schwestern. Das Kind wächst seitdem bei seinen Eltern auf.

Das Babyfenster im Spital Einsiedeln

Das Babyfenster im Spital Einsiedeln

Der reformierte Polizeiseelsorger Simon Gebs predigte am Polizeigottesdienst am ersten Advent in Uster zu dieser Zeitungsgeschichte:

Zwischenräume der Mitmenschlichkeit

Diese Weihnachtsgeschichte hat also das wahre Leben geschrieben.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht… Vielleicht geht uns so eine Einrichtung wie eine Babyklappe grundsätzlich gegen den Strich. Wir haben doch unsere Werte. Eltern tragen die Fürsorgepflicht für ein Kind, ein Kind hat das Recht, seine Eltern zu kennen…. Überhaupt: unsere Gesellschaft muss doch geprägt sein von Werten, die nicht verhandelbar sind, deontologisch quasi: Vor allem die Polizei, aber auch der Rettungsdienst und auch die Feuerwehr leben doch von Grundsätzen, die nicht verhandelbar sind. Jeder Bürger, jede Bürgerin, ob Promi oder einfacher Büetzer, ob Schweizer oder Syrer, Muslim oder Christ, jeder ist gleich zu behandeln. Reglemente, Verhaltenscodices und Algorythmen bestimmen das Handeln, ob bei einer Festnahme oder Verkehrskontrolle, bei einer Reanimation oder bei einer Strassenrettung. Und das ist gut so: Eine Gesellschaft lebt davon, das Regeln nicht verhandelbar sind, sie gelten immer, für alle. Und – ein für mich absolut zentraler Gedanke, es bleibt das ethische Minimum, unabdingbar, absolut verteidigungswürdig, und doch Minimum. Warum Minimum?

Normale Menschen werden zu Hirten, Königen und Engeln

In der Geschichte von der Babyklappe gibt es für mich ein paar eindrückliche Figuren, die für mich Wegweiser sind für Menschen, die über das Minimum wesentlich hinausgehen, Wegweiser für Zwischenräume der Mitmenschlichkeit, die genutzt werden, ohne die Regeln auszuhebeln. Da sind zuerst die beiden Polizisten. Sie erfassen die Situation sofort, junges Paar, völlig verunsichert, kreidebleich, nachts mit einem Bündel Kind unterwegs. Keine Personenkontrolle, kein moralischer Hinweis auf die Verantwortung als Eltern, sondern ein freundliches „kann ich ihnen helfen?“, ein kurzer Hinweis auf die Babyklappe, ein Respektieren der Ausnahmesituation. Da sind die medizinischen Vertreter im Spital. Ärzte, Krankenschwestern, auch die Pfarrerin. Keine Warum-Frage, keine strengen  Blicke, „das hättet ihr euch früher überlegen sollen, habt ihr nicht verhütet..,“ sie anerkennen die Notlage, und strahlen Freundlichkeit und Zuversicht aus – das lässt das junge Paar auftauen, es kann einbiegen auf einen neuen Weg mit dem Kind. Statt Hirten, drei Könige und Engel kommen in dieser wahren Weihnachtsgeschichte aus Berlin Polizisten, Ärzte und Krankenschwestern vor. Kommt nicht gerade in diesen Figuren zum Ausdruck wie weihnachtliches Handeln aussehen könnte? Trotz klarem Regelwerk, trotz ausgebautem Sozialsystem, trotz Beratungsstellen, der Staat kann nur das Minimum leisten, er ersetzt die Zuwendung nicht, das kann und muss er nicht leisten. Da sind wir alle als Menschen gefragt – Delegation liegt nicht drin.

Die Botschaft vom Kommen Gottes

Die Botschaft vom Kommen Gottes in diesem kleinen Kind zu Bethlehem geht von der Grundaussage aus: „Ich bin gekommen, zu suchen was verloren ist“, „nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken“. Nichts von innerer Entrüstung Gottes: eigentlich müssten sie’s im Griff haben, eigentlich dürfte so was passieren, sondern ein verständnisvoller, barmherziger Blick auf die Verlorenheiten der Menschen. Neben allem, das funktioniert, und bei uns in der Schweiz ja oft sehr gut funktioniert, es gibt immer wieder Notlagen, menschliche Tragödien und Schicksale, teils selbst verschuldet sehr wohl, immer wieder auch  nicht. Polizisten, Rettungssanitäter und Feuerwehrleuten unter uns muss ich das nicht sagen. Die beiden Polizisten, das Team im Spital, sie nutzen den Spielraum aus, um ein Mehr an Verständnis, an Freundlichkeit, an neuer Hoffnung, zu schaffen. Da merken wir, Weihnachten wird nicht unter dem Baum entschieden, wie Mediamarkt vor Jahren in seiner Werbekampagne meinte.

Wir sind gefragt. Denn: Weihnachten ist, was wir draus machen

Advent und Weihnachten erinnert uns daran, dass Gott nicht einfach ein ethisches Regelwerk erschaffen hat und von uns erwartet, dass wir uns darin bewegen. Das auch – und das ist das Minimum, Gott geht weit darüber hinaus – er will mehr und schafft mehr. Er wird an Weihnachten in diesem Kind zu Bethlehem Mensch, um eben diese Zwischen- und Spielräume der Liebe selbst zu leben. Da merken wir Weihnachten ist das, was man draus macht. Da sind wir gefragt, auch wenn solche Zwischenräume hin und wieder klein und unbedeutend sein mögen, es gibt sie, im Alltga eines jeden von uns. Auch bei Polizei, beim Rettungsdienst und bei der Feuerwehr, vielleicht in der Art wie man auf jemanden eingeht, bei dem eingebrochen worden ist, vielleicht wie man sich bei einer Patientenverlegung dem Patienten zuwendet, oder in der Art, wie man einem älteren Ehepaar nach einem Wohnungsbrand in der ersten Phase hilft, das Unfassbare zu meistern.  Dort wo wir arbeiten, ob Blaulichtmilieu oder nicht, wohnen, leben, eröffnen sich immer wieder solche Spielräume. Wenn wir uns ab heute 4 Wochen auf Gottes Kommen in diesem Kind einstimmen, dann sollten wir in den Blick ehmen wie Gott in Christus aufs Verlorene zusteuert, dorthin, wo es Menschen den Boden unter den Füssen wegzieht, wo Menschen echt feststecken, dann werden wir vielleicht hellhöriger für solche Zwischenräume. Dann sollten wir dieses Mehr , dieses zwei Meilen statt nur eine Meile mitgehen, 7×70 mal vergeben, dieses „Verlorene Suchen“ ohne zu werten bedenken. Hier schlägt das Herz, die Leidenschaft Gottes für den Menschen. Zwischenräume der Mitmenschlichkeit ausloten und ausnützen, ein Mehr schaffen, das immer wieder über die Pflicht hinausgeht. Immer in der Zuversicht, dass uns selbst diese Zuwendung Gottes gilt. Amen.