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Die religiöse Seite von David Bowie

Die religiöse Seite von David Bowie
Franz-Xaver Hiestand
Franz-Xaver Hiestand SJ ist Leiter des Katholischen Akademikerhauses Zürich (aki). Die katholische Hochschulgemeinde am Hirschengraben 86 in Zürich steht im Dienste aller Studierenden und Dozierenden der ETH, der Universität und der Fachhochschulen in Zürich und wird von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich finanziell unterstützt und vom Jesuitenorden getragen.
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18. Januar 2016

Sehr viel war über den britischen Ausnahme-Rockmusiker David Bowie zu lesen, seit er vor einer guten Woche gestorben war. Schon knapp zwei Tage nach dessen Tod hat zum Beispiel Jean-Martin Büttner im Tages Anzeiger erhellende Mutmassungen über die vielschichtige Identität und das Wirken des britischen Sängers und Malers veröffentlicht.

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/pop-und-jazz/david-bowie-ein-gast-auf-dieser-erde/story/14197971

Auch dass sich der 1947 im Londoner Stadtteil Brixton geborene David Robert Jones (wie er ursprünglich hiess) mindestens einmal zu religiösen Fragen geäussert hatte, war in mehreren Medien rasch verbreitet worden: In einem Interview mit dem deutschen Wochenmagazin „Stern“ war er nämlich im Jahre 2003 gefragt worden, ob er je an Gott geglaubt habe. Er antwortete: „Eine meiner zentralen Lebensfragen, die mich bis ans Ende meiner Tage verfolgt. Gott? Ich glaube an dich, ich glaube nicht an dich, ich glaube ein bisschen an dich … Ich habe das Problem nie gelöst. Ich versuche es jeden Tag von neuem.“ http://www.stern.de/kultur/musik/david-bowie–wir-wuetenden-alten-maenner–3506936.html

Gleichzeitig konnte man sich fragen, ob dieser chamäleonhafte Performer und überragende Live-Künstler, der das Spiel mit verschiedenen Identitäten genial auf die Spitze getrieben hatte, ausgerechnet in diesem Kurz-Interview Einblick in seine Seele ermöglichen wollte.

Einen aufschlussreicheren Zugang zur Religiosität des Mannes, der den Namen eines Messers angenommen hatte, eröffnet wohl das Gespräch, das Bowie sechs Jahre zuvor, 1997, mit dem Magazin der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ geführt hatte. Unter anderem sagt er da: „Vielleicht habe ich tatsächlich die ganze Zeit dasselbe gesagt, seit meinen Anfängen bis heute. (…) Es ging immer um eine Art spiritueller Suche. Es geht darum, die Organisation dieser Suche nicht als vorgegeben zu akzeptieren. Formale Religion ist nicht genug, es muss einen anderen Weg geben, eine neue Interpretation von Gott. Das ist noch sehr vage, aber irgendwo da drin steckt das, worüber ich meine Songs schreibe. Für mich ist es schon ein bisschen beängstigend, im Nachhinein festzustellen, dass ich die ganze Zeit diese Besessenheit hatte. Die hat auch kein bisschen nachgelassen in den letzten dreißig Jahren. Das ist mein persönliches… na ja, Kreuz-das-ich-zu-tragen-habe will ich in diesem Zusammenhang lieber nicht sagen. Es ist meine große Lebensfrage.“

Und wie der Journalist des ZEITmagazins, Jürgen von Rutenberg, nachfragt, ob für Bowie der Weltraum „nur eine Metapher für“ sein „Verhältnis zum Unbekannten und Unendlichen“ sei, holt Bowie noch einmal weit aus:

„Genau! Diese ganze Symbolik, die ich benutzt habe, die Sciencefiction-Hardware und all dieses Zeug – das sind alles nur Metaphern für die üblichen Fragen: Was ist unsere Verbindung mit dem Kosmos? Warum wurden wir geboren? Was sollen wir tun, während wir hier sind? Und wo gehen wir hin, wenn wir sterben? Sehr elementare Fragen, die klassischen Fragen eines Schriftstellers eigentlich! Nicht anders als bei Graham Greene oder Rick Moody oder den ganzen neuen Cyberpunk-Schreibern. Viele meiner Songs haben außerdem etwas Märchenhaftes an sich, in das die Leute ihre eigenen Ängste hineinlegen können. So wie die Geschichten in der Bibel oder die griechischen Tragödien auch immer unsere Ängste und Nöte ausspielen. Meine Songs machen im Grunde dasselbe, nur etwas kleiner.“

http://www.zeit.de/zeit-magazin/1997/04/david-bowie-earthling-interview/seite-2

Kaum beachtet in all den Nachrufen blieb zudem bisher, dass Davie Bowie in Martin Scorseses Film „The last Temptation of Christ“ aus dem Jahre 1988 den Pilatus gespielt hatte: Er verkörpert den Repräsentanten der römischen Zentralmacht als ebenso eleganten wie rohen Herrscher.

https://www.youtube.com/watch?v=w5hvHu8gHUc

Gut möglich, dass in diesen Pilatus so, wie ihn Bowie interpretiert, eigene Fragen und Haltungen des Künstlers eingeflossen sind. Gut möglich auch, dass die Auferweckung des Lazarus, welche im Scorsese-Film einen prominenten Platz einnimmt, Bowie bei der Produktion seines letzten Albums inspiriert hat. Denn seine letzte, eben erschienene Single „Lazarus“ spielt unmissverständlich auf die gleichnamige biblische Figur an, die wie Bowie Binden trägt. Im Raum steht die Hoffnung, dass auch heute jemand zum Menschen, der vom Tod gezeichnet ist, sagt: „Löst ihm die Binden.“ (Joh 11,44)

bowie lazarus

Und vier Jahre später, als die Rockband Queen zu Ehren ihres Sängers Freddie Mercury, der 1991 an Aids gestorben war, am Ostermontag 1992 im Londoner Wembley-Stadion ein Benefiz-Konzert veranstalteten, war es Bowie, der öffentlich betete.

Nach einer packenden Version seines 77er Hits „Heroes“ kniete er vor mehr als 70 000 Zuschauern nieder zu einem öffentlichen Vater unser. Von der Musik wechselte er zum Wort, von der Kommunikation mit dem Publikum über die Musik leitete er über zur unmittelbaren Kommunikation mit Gott. Die Art, wie er die delikate Situation, in welcher Authentizität leicht zur Pose werden kann, meisterte, fordert Respekt ab. Die Szene lässt sich als kleine Offenbarung lesen, in welcher mitten in der Postmoderne ein Meister der Masken das Konzert-Ritual unterbricht und sich in der Ergriffenheit kontrolliert nackt gemacht hat vor dem Grösseren.

https://www.youtube.com/watch?v=ANQspcmfhJU

https://www.youtube.com/watch?v=rOvZeZ1JybQ

Franz-Xaver Hiestand SJ, Leiter des aki (der katholischen Hochschulgemeinde) Zürich