Kirche aktuell

Die „banalisierte“ Krankheit: Ein Mittagessen in der HIV-Aidsseelsorge

Die „banalisierte“ Krankheit: Ein Mittagessen in der HIV-Aidsseelsorge
Kerstin Lenz
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28. November 2013

„Ein Arzt sagte mir, dass ich noch drei Monate lang leben würde. Das war vor 25 Jahren.“ Klaus – ein baumlanger Kerl, der kerngesund und nach recht viel Training aussieht, ist regelmässiger Besucher der HIV-Aidsseelsorge.

Der ganz normale Dienstag hat sich auf einmal geändert: Auf Einladung des Stellenleiters bin ich zum Mittags-Treff in die Begegnungsräume der HIV-Aidsseelsorge gekommen. Dieses frisch gekochte Mittagessen bietet die katholische HIV-Aidsseelsorge alle zwei Wochen an. Bis zu 25 Personen kommen. Ich stelle mich vor, werde freundlich begrüsst und aufgenommen. Warum ich Fotos machen möchte, wollen einige wissen. Sie haben schlechte Erfahrung mit der „Presse“ gemacht.

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Ich erfahre einiges über die „die banalisierte Krankheit“, wie eine Zeitung zu den aktuellen Zahlen zur Neuinfektionen mit HIV und Aids titelte. Noch immer sterben jährlich 50 Personen in der Schweiz an Aids, die Neuinfektionen steigen. „Oder aber“, so mutmasst mein Tischnachbar, Bernd, „es lassen sich einfach mehr Leute testen und deswegen wird die Krankheit entdeckt, auch ohne dass sie ausbricht.“ Er organisiert hier den monatlichen Treff für schwule Aidsbetroffene: „Für uns hat sich in den letzten Jahren gar nichts geändert. Die Krankheit wird nach wie vor totgeschwiegen. Wir müssen uns verstecken und schauen, dass ja keiner von der Infektion erfährt. Wenn ja, wird es schwierig“. Das klingt hart und für mich – naiv wie ich bin – fast unglaublich. Wir leben doch in einer aufgeklärten Welt: jeder weiss, wie man sich anstecken kann, oder eben nicht. Ein Händedruck, ein gemeinsames Essen reicht da nicht.

Verena, die Sekretärin der Stelle, erzählt von ihrer Facebook-Gruppe mit anderen Mamis. Sie stellte einmal die Frage: Würdet Ihr Eure Kinder mit meinen Kindern spielen lassen, wenn Ihr wüsstet, dass ich jeden Tag mit Aids-Infizierten zu tun habe? Die Reaktionen waren verhalten: „Wäre das bei Euch zu Hause? Oder woanders?“ „Eher nicht – aber wieso fragst Du?“ Aber niemand sagte: „Na klar – warum auch nicht?!“

Zurück zu meinem sportlichen Tischnachbar Klaus: Er erzählt von seiner Freundin, die von seiner Infektion weiss. Von ihrem Bekanntenkreis, der keine Ahnung hat, sich häufig nur über die klaren Ansichten von Klaus wundert. „Ich erzähle nicht, dass ich 15 Jahre auf der Strasse gelebt habe. Das geht einfach nicht.“

Fachsimpeln über Medizinisches

An alle Aids-Betroffenen erinnert jährlich der Weltaidstag am 1. Dezember . Diesen verbringen die Klienten und Klientinnen der HIV-Aidsseelsorge mit dem Team katholischen HIV-Aidsseelsorge mit einer Gedenkfeier in der Wasserkirche , einem Fackelumzug durch die Innenstadt sowie einer Aktionsfläche auf dem Hechtplatz, bei dem auch die Aidshilfe Schweiz engagiert ist. „Die Aidsseelsorge ist ein Platz, wo jeder sein kann, wie er ist“, sagt Bruno Willi, Stellenleiter und Seelsorger. „Das ist wichtig für Menschen, die in jeder Hinsicht `gebrannte Kinder` sind.“ Und schon spricht Seelsorger Bruno Willi mit einem Klienten weiter: Er kennt alle mit Namen, weiss um die Hintergründe („Hast Du jetzt Deine Schwester mal angerufen?“) und ist auch im Medizinischen wahrer Fachmann. Willi sagt: „Die Medikamente sind natürlich viel besser geworden, trotzdem haben viele noch starke Nebenwirkungen.“ Er spricht einem Mann Mut zu, das neue Medikament weiter zu nehmen, auch wenn es ihn „runterzieht. Der Körper muss sich erst gewöhnen“. Die HIV-Aidsseelsorge ist regelmässig auch in Kontakt mit Ärzten. Ihre Gesundheit, das Leben mit der Infektion, steht für alle im Vordergrund. „Hier darf ich ehrlich sagen, dass es mir nicht gut geht“, sagt Klaus. „Kann meine Meinung sagen, politisch sein – hier bekommst Du Antworten. Es ist wie ein zweites zu Hause.“

www.hiv-aidsseelsorge.ch

Die HIV-Aidsseelsorge ist eine Einrichtung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Aus der Zentralkasse werden die Kosten für Räumlichkeiten und Personal finanziert (jährlich rund 300 000 Franken). Spenden sind jederzeit willkommen.