Kirche aktuell

Das Unterträgliche ertragen: wenn Eltern ein Kind verlieren

Das Unterträgliche ertragen: wenn Eltern ein Kind verlieren
Informationsbeauftragte Synodalrat
Kerstin Lenz

Schwerpunkte: Online-Kommunikation, Publikumsanlässe und Events

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19. November 2013 / 2 Kommentare

Schon die Stimmung draussen mit dem farblosen November-Himmel hat sich dem Anlass angepasst: gemeinsam trauern an der überkonfessionellen Gedenkfeier für verstorbene Kinder. „Das Unerträgliche zu tragen versuchen“ – wie es der Spitalseelsorger Dieter Graf formuliert, der mit Spitalseelsorgerinnen aus Kinder- und Uni-Spital sowie mit dem Selbsthilfe-Verein Regenbogen in die Liebfrauenkirche eingeladen hat.

Der Verlust eines Kindes ist den Anwesenden gemeinsam. Sonst trennt sie einiges: das Alter, der Hintergrund, die Konfession, die Lebensumstände. Aber das zählt nicht an diesem Sonntagnachmittag in der Kirche Liebfrauen in Zürich. Sie haben eine schwerwiegende Gemeinsamkeit: Sie alle haben ein Kind verloren. Das „wie“ und das „wann“ ist nicht bekannt, unwillkürlich aber stelle ich mir die Frage, welches Schicksal diese Menschen erlebt haben. Haben sie ihr Kind noch kennengelernt? Starb es vor oder nach der Geburt? Durch Krankheit oder Unfall? Wie lange trauern sie schon um das Kind? Wird der Verlust leichter mit der Zeit? Ich denke an das eine ganz spezielle verstorbene Kind, das ich kannte, an den Schmerz der Eltern bei Beerdigung damals an einem schönen Sommertag vor zwei Jahren.

Das Herz als Symbol

Das Herz ist das Symbol der Gedenkfeier, alle Stationen greifen das Thema auf. Gleich zu Beginn der Feier wird dieses Gedicht gelesen:

Gottesdienst 2 verst. Kinder

Ein Herz – dein Herz

Ein Herz in Bewegung, ein Herz voller Leben

Ein Herz, das glüht, ein feuriges Herz.

Ein Herz ganz offen, ein Herz ganz weit.

Ein Herz nicht aus Stein, ein Herz ohne Bosheit

Ein Herz, das hört, ein Herz, das schaut.

Ein Herz, das staunt, ein Herz, eins mit der Welt.

Ein Herz, das fühlt, ein Herz, das liebt.

Ein Herz, das mitfühlt, ein Herz, das mitsorgt.

Ein Herz, das verbindet, ein MENSCHLICHES Herz.

Hinter mir beginnt ein Kind zu plärren. Das stört mich auf einmal und lässt den Gedanken aufkommen, dass ich das schreiende, aber lebende Kind kaum ertragen könnte, wäre mein eigenes Kind gerade gestorben. „Es hilft zu erleben, dass wir nicht alleine sind in der Trauer“, sagt eine der gestaltenden Spitalseelsorgenden. Als der Gesang der Sopranistin einsetzt, weint eine jungen Frau rechts von mir hemmungslos in den Armen ihres Mannes. Die zwei kleinen Kinder spielen recht ungerührt an den Füssen der Eltern. Viele weinen in der Kirche, niemand schämt sich. Menschen berühren sich, nehmen sich an die Hand und in den Arm, sie gehen zusammen durch die Kirche, besuchen die liebevoll gestalteten Stationen im Kirchenschiff – Paare, Freundesgruppen und ganze Gross-Familien. „Wir wissen aus unserer Arbeit, dass der Weg lang ist, aber am Ende gibt es Licht und ein Ziel“, sagt Spitalseelsorgerin Theres Arn.

Ein goldener Pappstern für jedes Kind

Fast kommt er mir ein bisschen kitschig vor – durchdesigned und wie im Film: der rote mit Gas gefüllten Herz-Ballon, die vielen Kerzen, die anrührende Musik von Orgel und Gesang, die von der Empore aus die Kirche füllt. Das drückt auf die Tränendrüsen – und zwar kräftig, ist aber doch so echt. „ Rituale und Symbole helfen zu trauern “, wissen die gestaltenden Spitalseelsorger und bitten die Teilnehmende der Feier die kleinen goldenen Sterne an die Stationen in der Kirche abzulegen, Namen auf die Sterne zu schreiben und nochmals Abschied zu nehmen.

Foto 3 Gottesdienst verst. Kinder bearb.
Am Ende des Gottesdienstes sitze ich wieder in der Bank in der Liebfrauenkirche. Zum ersten Mal fällt mir die ältere Dame auf, die eine deutliche abgegriffene Puppe im Schoss hält. Auf einmal werde ich ganz ruhig, demütig, dankbar und bin zudem ganz sicher: Diese Gedenkfeier, die im nächsten Jahr zum 10. Mal stattfindet, trifft mitten ins Herz.

www.gedenkfeierzuerich.ch

www.verein-regenbogen.ch