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Was bleibt, ist einzig die Erinnerung

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Redaktionsteam
Katholische Kirche im Kanton Zürich
Die Beiträge im Blog geben die Haltung der Autoren wider und müssen nicht in jedem Fall mit der offiziellen Haltung der kirchlichen Körperschaft übereinstimmen.
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31. Oktober 2014 / 1 Kommentar

In der Stadt Zürich werden die Angehörigen zu einer ökumenischen Gedenkfeier eingeladen, bevor die Gräber und Nischen der Verstorbenen nach rund 25 Jahren aufgehoben werden. Das neue Ritual auf den Stadtzürcher Friedhöfen wird sehr geschätzt.

Zugegeben: Sehr oft war ich nicht auf dem städtischen Friedhof, wo mein Vater begraben liegt. Es ist ja auch mehr als 25 Jahre her, seit wir damals als junge Familie am Grab vom verstorbenen Vater und Grossvater Abschied genommen haben. Doch dann flatterte im Spätsommer ein Brief des Bestattungsamtes der Stadt Zürich ins Haus. Dieser kündigte an, dass die Ruhefrist abgelaufen sei und dass nach Allerheiligen auch das Grab meines Vaters aufgehoben würde.

Einladung zur ökumenischen Feier zur Grabfeldräumung

Erinnerungen an früher

Diese Information der Grabaufhebung löste zwar keine Tränen der Trauer mehr aus, liess aber Erinnerungen hochkommen.

Plötzlich war der 80. Geburtstag von Opa wieder präsent, als wir mit dem herzkranken Mann mit der Barke auf der Töss Richtung Eglisau zum gemeinsamen Mittagessen unterwegs waren.

Zudem kam mir wieder in den Sinn, dass mein Vater gerne Blut- und Leberwürste gegessen hatte, diese aber aus gesundheitlichen Gründen hätte meiden müssen. Darum genehmigte er sich sein Leibgericht zwischendurch heimlich, wohl um unliebsamen Belehrungen zu entgehen… Bei Schwierigkeiten wiederholte mein Vater damals immer wieder, «man müsse eben einen ´modus vivendi´ finden», also eine gute Art, mit einem Problem umzugehen. Dies wurde in der Familie zum geflügelten Wort.

Was doch ein unerwartetes Schreiben aus Zürich alles auslösen kann – alte Erinnerungen eben.

Ein Ort des Gedenkens

Der Brief des Bestattungsamtes teilte nicht nur die Grabräumung mit, sondern lud auch zu einer ökumenischen Feier auf dem Friedhof ein, bevor die Gräber endgültig aufgehoben würden. Schon vor dem Ritual, das in Gemeinschaft mit andern Hinterbliebenen gefeiert wurde, suchte ich das Grab meines Vaters an seinem ehemaligen Geburtstag noch einmal auf. Er wäre an jenem Tag 106 Jahre alt geworden.

Hier am Ort, wo seine letzte Reise endete, konnte ich die Erinnerungen noch einmal bündeln. In der Herbstsonne leuchteten auf dem Stein die Goldlettern, die an seinen Namen und an die Jahrzahlen seines Geburts- und Todesjahres erinnerten.

Die üppig wuchernde Grabbepflanzung verdeckte das Monument aber halbwegs. So schweifte mein Blick über das Grabfeld, das bald nicht mehr sein würde. Ich sah viele verwitterte Steine, die grossenteils windschief in der Reihe standen, als könnten sie sich nur noch mühsam aufrecht halten. Auch ihre Zeit des Abschieds schien nun gekommen zu sein.

Grabsteine

Grabreihe FOTO Viviane Schwizer

Abschiedsfeier in der Friedhofkapelle

Die ökumenische Gedenkfeier in der Friedhofkapelle, gestaltet von einem katholischen und einem reformierten Pfarrer und begleitet von Bruno Bekowies, stellvertretender Leiter des Bestatttungs- und Friedhofamtes der Stadt Zürich, war gehaltvoll und stimmig: Bedächtige Trompetenmusik, Stille und Gebete halfen mit, sich nun endgültig von den Verstorbenen zu lösen. Viele besuchten noch einmal die Gräber ihrer Angehörigen und legten die Rose auf das Grab, die allen am Schluss der Feier verteilt wurde.

Team Abschiedsfeier

Seelsorger und städtische Verantwortliche gestalten die Abschiedsfeier FOTO Viviane Schwizer

Laut Bruno Bekowies wurde die Gedenkfeier für Angehörige im letzten Jahr erstmals im Rahmen eines Pilotprojektes auf dem Friedhof Nordheim angeboten, kurz bevor die Gräber und Nischen der Verstorbenen nach 25 Jahren aufgehoben wurden. Die Feier hätte grossen Anklang gefunden. Darum entschied das Bestattungsamt zusammen mit den Landeskirchen, die Feiern in diesem Jahr auf den 11 Friedhöfen mit Räumungsgräbern in Zürich durchzuführen und zu etablieren.

Immerhin werden in der Stadt Anfang November rund 3500 Gräber und Grabnischen aufgehoben. Die Angehörigen wurden im Spätsommer persönlich angeschrieben und zu den einzelnen und gestaffelt durchgeführten Feiern eingeladen. Schätzungsweise knapp ein Drittel der Angehörigen kam zur Gedenkfeier. Das Ritual wurde generell sehr geschätzt, so Bekowies.

Breites und positives Echo

Organisiert wurden die Feiern von Gisela Tschudin, Pfarreibeauftragte in Zürich-St. Martin. Sie vertritt das katholische Dekanat in der sogenannten «Bestattungskommission». Tschudin findet das neue Abschiedsritual sinnvoll:

«Es entspricht einem Bedürfnis. Ich bin überrascht, wie breit und positiv das Echo ist, das diese Feiern finden».

Die Feier sei nochmals ein Abschied. Das Grab sei lange ein wichtiger Ort gewesen, den es jetzt loszulassen gelte. Die Menschen seien dankbar, wenn dieser Abschied eine würdige Form erhalte. Die Pfarreibeauftragte sagt: «Ich bin sehr froh, dass die beiden Landeskirchen zusammen mit dem Bestattungsamt Zürich dieses Ritual anbieten.»

Text und Fotos: Viviane Schwizer