Kirche aktuell

Ach, du liebe Zeit!

Ach, du liebe Zeit!
Tatjana Disteli

 Bereichsleiterin  «Seelsorge Gesundheitswesen und Inklusion» sowie «Ökumenische Seelsorge».

Author
11. August 2016

Menschen, Dinge und Gegebenheiten verändern sich im Laufe der Zeit.

Mein täglicher Arbeitsweg der Aare entlang bis zum Oltner Bahnhof dauert 12 Minuten. Er ist ein starkes Symbol für diesen steten Wandel, für die Vergänglichkeit, aber auch für den immer wiederkehrenden Neuanfang: Das glitzernde Wasser der Aare fliesst an mir vorbei. Der heimische Fluss scheint immer derselbe zu sein. Doch kein Tropfen ist wie der andere. Alles fliesst, nichts bleibt so, wie es ist.. .

Der sympathische Stadtarbeiter reisst mich kurz aus den Gedanken. Wir winken uns zu, während er geduldig die Spuren des letzten Sommerabends beseitigt. Ich komme zeitig am Bahnhof an. Die gefällte Trauerweide, die jeden Morgen meine Stirn streichelte, werde ich wohl ewig vermissen. Sinnbildlich sind auch die Züge, die nach Plan ein- und ausfahren. Zu guter Letzt ein Blick zur Bahnhofsuhr – das gibts doch nicht: Die Zeit ist weg!

Wo ist die Zeit geblieben?

Dieser Blick vor ein paar Wochen unterbrach die Ordnung meines Alltags. Wo ist die Zeit geblieben? Sie scheint für einen Augenblick lang still zu stehen. Von Kindesbeinen an bedeutet diese Uhr Stabilität und Sicherheit. Auf sie war Verlass. Nie sah ich, dass an der Stelle der legendären Bahnhofsuhr bloss noch ein blinder Fleck verloren in die Welt starrt.

Trotzdem tickt die innere Uhr weiter und die Abfahrtszeit rückt näher: Ab zum Perron! Stosszeit, Termindruck. Viele von uns rennen permanent gegen die Zeit an, bis die Ferien vor der Tür stehen und „zack“, haben wir alle Zeit der Welt.

Höchste Zeit einmal stillzustehen

Das Phänomen der Zeit beschäftigt auch die Wissenschaften: Die Historiker erstellen Chronologien, die Psychologen erforschen subjektives Zeiterleben, Physiker sprechen mit Einstein von der Relativität, und die Philosophen fragen nach ihrem Wesen. Jede Perspektive entschlüsselt interessante Aspekte.

Letztlich bleibt die Zeit für uns ein verborgenes Geheimnis.

Die Zeit ist vor allem eines: kostbar. Sie tickt. Von der Wiege bis zur Bahre nagt der Zahn der Zeit an uns – bis wir das Zeitliche segnen. Aber, bitte, piano, piano. Alles zu seiner Zeit!

Kommt Zeit, kommt Rat

Wir lernen und reifen. Ja, wir brauchen viele Lebensjahre, bis wir verstehen, wie wichtig das gelegentliche Stillstehen, wie kostbar ein Augenblick sein kann. In diesen Momenten spürt man nach Innen. Wer bin ich eigentlich, was  will ich und was nicht?

Jetzt packt der Mensch die Gelegenheit beim Schopf. Es kommt darauf an, zur rechten Zeit das Richtige zu tun.

Durch Entscheidungen gestalten wir unsere Zeit, geben unserem Leben die Richtung. In Wirklichkeit kann man keine Zeit verlieren, sondern nur Gelegenheiten. Es kommt nur darauf an, ob ich meine Zeit nutze.

Zukunft beginnt jetzt

Die Ferien sind vorbei. Am Oltner Bahnhofsplatz tickt wieder die vertraute Uhr. Sie war 50jährig und wurde zur Verjüngung temporär abmontiert. Ich steige in den Zug der Zukunft. In meiner eigenen kleinen Welt weiss ich nun: Es liegt an mir, ob ich die Zeit als Feind oder Freund erlebe. Auf meiner Lebensuhr steht von Zeit zu Zeit nur noch ein einziges Wort, JETZT.