Versuchungen unserer Zeit: Kampf um Ehre und Macht

Eben war er noch da. Und schon ist er wieder weg. Am anderen Ende der Welt, mitten in einem Krisengebiet: Jesuitenpater Peter Balleis. Für kurze Zeit weilte er in Zürich. Arnold Landtwing hat ihn in einer Mittagspause angetroffen und mit ihm über sein neuestes Buch, Versuchungen, Werte und Bildung gesprochen.
Versuchungen unserer Zeit: Kampf um Ehre und Macht

Peter Balleis, Präsident Jesuit Worldwide Learning_FOTO_Arnold Landtwing

Die Vernissage seines neuesten Buches „Seht den Menschen – Die Versuchung zur Macht und das Elend der Flüchtlinge“ bot eine der raren Gelegenheiten, Peter Balleis zu einem Gespräch zu treffen. Wenn der ehemalige Leiter des Jesuit Refugee Service JRS und aktuelle Präsident des Jesuit Worldwide Learning JWL den Raum betritt, füllt er ihn mit seiner Präsenz. Sein Blick ist durchdringend, seine Gedankengänge sind präzis und peitschen das Gespräch förmlich vorwärts. Wer im neuen Buch ein Lamento zum Flüchtlingselend erwartet, wird auf dem falschen Fuss erwischt, denn Balleis fordert mit einem geistlich-spirituellen Bezugsrahmen zur Reflexion heraus.

 Peter Balleis Präsident JWL

Peter Balleis, im Klappentext Ihres neuen Buches fragen Sie als erstes „Warum Krieg? Was sind die tieferliegenden Ursachen, die die globalen Konflikte gemeinsam haben, und warum können sie nicht beendet werden?“ Welche Antwort haben Sie auf 245 Seiten Reflexion darauf gefunden?

Zunächst sind das Fragen der Menschheitsgeschichte, die gezeichnet ist vom Leid. Geschichte, Politik, Wirtschaft bis hin zu Religion und Kultur spielen überall eine Rolle. Buddhismus, Islam und Christentum. Syrien, Kongo, Burundi, Zentralafrika, Südsudan und auch Deutschland: Wer die reale Welt auf einer tieferen Ebene verstehen will, entdeckt überall die gleichen Mechanismen, von denen Menschen sich treiben lassen. Das Endresultat ist immer furchtbares Leid. Die Frage nach dem Deutungsschlüssel ist die biblische Frage, warum Jesus in ganz zu Beginn seines Wirkens so vehement drei Versuchungen (Mt 4,1-11: Steine in Brot verwandeln, sich vom Tempel stürzen, Macht) zurückgewiesen hat. Das sind doch genau die Versuchungen, die uns heute treiben: Kampf um Ressourcen, Ehre und Macht.

Gier, Ehrsucht und Machtstreben als fatale Versuchungen?

Genau! Wer diese Erkenntnis verinnerlicht, erkennt bereits die tiefere Bedeutung. Wenn Menschen weniger gierig, weniger machtsüchtig und weniger korrupt sind, dann ist auch die Politik weniger gewalttätig. Persönliche Werthaltungen und konkrete Situation sind immer aufeinander bezogen. Dies dürfen auch wir als NGOs selbstkritisch reflektieren.

Inwiefern spielt die rasante Globalisierung eine Rolle? Weckt Globalisierung Gier?

Es ist alles andere als zufällig, dass wir zunehmend Konflikte erleben, denn das System als solches steckt selber in der Krise und bröckelt. In den 90-er Jahren wurde die Globalisierung als ein aggressives und einseitiges Wirtschaftsmodell teils mit Gewalt übergestülpt. Seither haben Konflikte um Ressourcen zugenommen, aber auch Konflikte um Identität. Was gibt in Zeiten der Angst vor Überfremdung Halt? Ganz einfach: Identität! Rasse, Religion, Kultur bis hin zur Mitgliedschaft im Fussballclub – da sind alles Identitätsgeschichten in denen Menschen zusammenfinden. So wird ein zentralafrikanischer politischer Konflikt plötzlich zu einem Konflikt zwischen Christen und Muslimen, ein Konflikt, der vorher nie existiert hat. Der Konflikt ist politisch herbeimanipuliert, mit dem Ziel, dass sich alle hinter den nationalen Führer scharen. Hier lauert die Versuchung: Ich bin besser, mir gebührt Ehre und darum will ich mächtig sein. Ich stelle fest, dass auch bei uns in zunehmend polarisierter Weise gedacht wird. Die Gier wird zur Tugend erklärt, denn: je gieriger die Menschen sind, umso besser läuft die Wirtschaft.

Sie nennen in ihrem Buch das Böse explizit. Ist das ein Aufruf, wieder mehr an das Böse als real existierende Macht zu glauben?

Das Böse passiert nicht einfach so. Wir Menschen entscheiden. Wir Menschen handeln. Wir sind es, die Politik machen. Wir streben nach Macht, und wir reagieren heftig, wenn wir in unserem Stolz verletzt werden. Es gibt so vieles, das ist einfach in sich böse. Menschen entscheiden aus freiem Willen und entscheiden sich auch für das Böse. Es passiert nicht einfach. Da dürfen wir nicht naiv sein, sondern müssen es in aller Deutlichkeit so benennen.

In Anlehnung an Papst Franziskus vertreten Sie auch die Haltung, dass Barmherzigkeit dem Bösen Grenzen setzt. Ist das nicht etwas naiv?

Im Gegenteil! Es ist der Abschied vom Jammern und fordert jeden heraus: Wie gehe ich persönlich mit dem Bösen um? Was setze ich dem Bösen konkret entgegen? Die Politik zeigt uns, wie gross die Versuchung ist, Gewalt mit Gegengewalt und Macht mit Gegenmacht zu beantworten. Wer sich für die Gewalt entscheidet, hat schon verloren, nämlich die eigene Integrität. Es ist der Abschied von der Gerechtigkeit und der Beginn der Abwärtsspirale, denn gemordet wird immer nur ungerecht.

Gibt es auch Grenzen der Barmherzigkeit? Oder kritisch gefragt: Kann Barmherzigkeit nicht auch grosse Angst hervorrufen und so dem Bösen die Tür öffnen?

Hier antworte ich konkret:

1. Wer in Sicherheit und Wohlstand lebt, muss sich nicht schlecht fühlen. Es wird auch viel dafür getan und gearbeitet, um in Sicherheit und Wohlstand zu leben. Wer sich dafür einsetzt, dass die Schweiz kritisch bleibt, leistet einen wichtigen Beitrag.

2. Wer in dieser Sicherheit lebt, muss sich fragen: „Wie teile ich diese Sicherheit?“. Woran es immer zu denken gilt: Nichts ist geschenkt und für immer garantiert. Der springende Punkt ist die Frage nach dem Teilen! Kann man Sicherheit teilen? Ja! Sicherheit kann man denen vermitteln, die sie nicht (mehr) haben, zum Beispiel Menschen auf der Flucht. Wenn wir Gutes tun, ist es nie perfekt. Wir machen uns die Hände immer irgendwie schmutzig. Ein Perspektivenwechsel in die Situation der Menschen auf der Flucht hilft, anders wahrzunehmen. Plötzlich merkt man: Das sind ganz normale Menschen wie du und ich – und sie brauchen Schutz.

3. Geistliche Ansätze können helfen, in schwierigen Situationen die richtigere Entscheidung zu treffen. Die Frage lautet immer: Wie mache ich aus einer schwierigen Situation etwas Besseres? Wenn wir uns selber dabei ertappen, wie tief das Streben nach Ehre und Macht in uns steckt, dann können wir uns wenigstens in der Demut üben. Wer privat draufhaut, der tut es auch politisch. Wer mit Werten entscheidet, hat auch eine andere Führungsqualität.

Höre ich da ein Plädoyer zur Besinnung auf Werte?

Wir müssen uns wieder auf eine Erziehung zu Werten besinnen. Eine Gesellschaft lebt von den Werten, es gibt keine Wertneutralität, auch nicht in einer säkularisierten Gesellschaft. Wir brauchen Grundwerte, auf die wir uns verlassen können. Insofern hat diese Debatte der Identitätsfrage durchaus auch positive Seiten. Die Frage muss jedoch von der Gesellschaft als ganze und nicht von einzelnen beantwortet werden. Es ist klar einzufordern, dass, wer zu uns kommt, das Grundgesetz zu anerkennen hat. Aufgrund unserer Werte muss das Zusammenleben geregelt, die Integration gefördert und gefordert werden. Dieser Haltung müssen wir uns wieder bewusster werden. Wer eine Identität hat, kann dem anderen auf Augenhöhe begegnen und braucht ihn nicht totzuschlagen. Nur unsichere Menschen töten andere.

Haben Christen im Nahen Osten eine Zukunft?

Unbedingt, denn Christen werden gebraucht. In Zukunft werden sie wohl eine noch kleinere Minderheit sein, aber nach wie vor wichtig. Weil sie überleben wollten, waren Christen immer besser gebildet und haben in Bildung investiert. Durch die Bildung haben die Christen eine wichtige Funktion. Deshalb haben wir das „Jesuit Worldwide Learning – Higher Education at the Margins“ ins Leben gerufen. An den Rändern der Gesellschaft ermöglichen wir Bildung für Flüchtlinge, Arme und andere Menschen am Rand. Über Internet ermöglichen wir rund um den Erdball Zugang zu Hochschulbildung und Studienabschlüssen. Wer eine höhere Bildung absolvieren kann, lässt sich geistig bereichern und ändert dann, was er ändern will. Deshalb wird das Christentum wegen der Bildungsarbeit hoch geschätzt. Viele Muslime sind in christliche Schulen gegangen und entwickeln sich zu moslemischen Führungsleuten.

 

Welche Erkenntnisse haben Sie persönlich bei der Arbeit an ihrem Buch gewonnen?

Ich habe das Buch in einer Lebensphase des Reflektierens geschrieben: Was ist wichtig für die kommenden 10 Jahre, in denen ich noch Kraft zum Arbeiten habe? Wenn ich sehe, was in den Social-Media-Kanälen wie Facebook, Twitter etc. geschieht und wie viele Menschen Fakenews mehr glauben als realen Fakten, dann wundere ich mich nicht, dass die Kultur verlorengeht, sich intellektuell auseinanderzusetzen. Die Welt kann nicht in 160-Zeichen erklärt und verstanden werden. Darum ist die Bildung und damit verbunden die Wertebildung ein ganz wichtiges Instrument. Hier müssen wir investieren, damit der Horizont weiter wird.

Sagt‘s, steht auf und ist bereits auf dem Sprung nach Zentralafrika.

zuletzt verändert: 07.07.2017 08:20