Vorbildlicher Ökumeniker

Nachruf auf Ruedi Reich von Weihbischof Peter Henrici
Vorbildlicher Ökumeniker

Alt-Kirchenratspräsident Ruedi Reich und Weihbischof Peter Henrici beim Jubiläum 20 Jahre Synode im Jahre 2002 (Foto: Christian Murer)

Es ist kaum möglich, über die ökumenischen Verdienste von Kirchenratspräsident Reich zu sprechen ohne zuerst seine geistliche Persönlichkeit zu würdigen – gerade hier, wo wir so oft gemeinsam Gottesdienst gehalten haben. Reichs Einsatz für die Ökumene war kein aufgesetztes Obendrein zu seinen vordringlicheren Aufgaben als Kirchenratspräsident; er entsprang seinem tiefsten Verständnis des christlichen Glaubens, weil der tragende Mittelpunkt seines Lebens Jesus Christus, der Herr war, der Herr auch jeder christlichen Kirche.

Reich war überzeugt, Glied der "einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche" zu sein, wie er es in Artikel 3 der neuen Kirchenordnung festschreiben liess. Das erahnte ich schon bei seiner Amtseinsetzung hier im Grossmünster, als er uns das "grosse" nizänische Glaubensbekenntnis sprechen liess. Zu diesem christozentrischen Kirchenverständnis, das noch ausgeprägter war als unsere  gemeinsamen biblischen, namentlich paulinischen Vorgaben, haben wohl auch die Schriften Karl Barths und die Erfahrung mit Taizé beigetragen. Damit war ein breiter Boden gelegt für ein brüderlich-ökumenisches sich Verstehen und für eine fruchtbare ökumenische Zusammenarbeit. Gerne wies Reich auf die 1500 Jahre gemeinsamer Kirchengeschichte hin, deren Last und Segen wir gemeinsam zu tragen haben, und darauf, dass die Reformatoren gar keine neue Kirche gründen wollten. In Übereinstimmung mit der alten Kirche schätzte und verehrte er auch Maria und manche Heilige.

Dabei war Ruedi Reich alles andere als ein verkappter Katholik. Er bekannte sich gerne zu seinen evangelisch-reformierten Wurzeln, zitierte oft Zwingli und noch lieber Bullinger, und unterstrich bei Gelegenheit, ohne jede Polemik, seine eigene reformierte Sichtweise. Fraglose Verwurzelung in der eigenen konfessionellen Tradition zugleich mit verständnisvoller Anerkennung anderer Positionen und mit dem lebendigem Bewusstsein des gemeinsamen christlichen Erbes: Das ist zweifellos die beste, ja die notwendige Voraussetzung für ökumenische Zusammenarbeit.

Zusammenarbeit ist mehr als Dialog. Ökumenische Dialoge oder gar Streitgespräche habe ich mit Ruedi Reich kaum geführt, ausser etwa im Vorübergehen oder übereck, wenn wir gemeinsam auf einem Podium sassen. Was uns zusammenführte, war vielmehr die Zusammenarbeit im seelsorglichen Dienst für die Menschen. Dazu gehören die ökumenischen Projekte, die wir in jenen Jahren verwirklichen konnten - am sichtbarsten im Flughafenpfarramt und in der Bahnhofkirche und nicht zuletzt im ökumenischen Hauptwerk Reichs, das leider erst nach meiner Amtszeit zustande kam: im neuen Kirchengesetz von 2007, das als staatliches Gesetz in gleicher Weise für beide, ja für alle drei christlichen Kirchen gilt.

Auch unser Ökumenebrief vom Bettag 1997 wollte ein Beitrag zur Seelsorge sein. Er hatte in erster Linie die konfessionsverschiedenen Ehen im Auge, für die es leider bis heute noch keine eigene Seelsorgestelle gibt. Drei Eckpunkte waren uns beiden klar: Es kann, namentlich im katholischen Verständnis, keine "Doppelmitgliedschaft" in beiden Kirchen geben, aber auch keine dritte, "ökumenische" Konfessionszugehörigkeit. Deshalb soll auch in konfessionsverschiedenen Familien jedes Kind wissen, zu welcher Kirche es gehört und dementsprechend erzogen worden. Allem voran war aber zu betonen, "dass das, was uns verbindet, viel mehr ist, als das, was uns trennt". Daraus ergab sich die praktische Mahnung für die Kirchgemeinden: "Zusammenarbeit ist die Regel, Alleingang die Ausnahme".

Der wunde Punkt blieb die eucharistische Gastfreundschaft. Hier deckt sich zum grossen Schmerz Reichs das katholische Kirchenverständnis nicht mit dem reformierten. Bei seiner ausgesprochenen Abendmahlsfrömmigkeit war dieses Nicht-teilnehmen-dürfen wohl der grösste geistliche Schmerz Ruedi Reichs, vergleichbar mit den körperlichen Schmerzen seiner schweren Krankheit. Es ist der Schmerz der immer noch fortdauernden Kirchentrennung. Hoffen und beten wir, dass auch dieser Schmerz für Ruedi Reich beim himmlischen Gastmahl für immer zu Ende ist.

Abschied von Ruedi Reich (zh.ref.ch)

Ökumenischer Bettagsbrief

zuletzt verändert: 24.08.2012 11:39