Alt-Abt: "Eigentlich wäre das Leben ganz einfach"

Die Adventszeit beginnt am Wochenende und ist auch Zeit für Besinnung und Fragen: Wie lebe ich mein Leben? Wer bin ich wirklich?
Alt-Abt: "Eigentlich wäre das Leben ganz einfach"

Die Klosterkirche von Disentis. Foto: Viviane Schwizer

Foto: Kloster DisentisDer ehemalige Abt des Kloster Disentis, Daniel Schönbächler, begleitet Menschen spirituell und psychologisch und hat einige Antworten gefunden – für sich und andere.  

Ein Gespräch mit dem Benediktiner-Mönch (Bild links):

Pater Daniel, ein Referat stellten Sie vor einiger Zeit unter den Titel «Eigentlich wäre das Leben ganz einfach». Im Blick auf das Weltgeschehen und die Probleme in Europa hat man im Moment nicht gerade diesen Eindruck. Wie ist Ihre Behauptung zu verstehen?

Der Titel ist natürlich provozierend. Er beruht auf der Tatsache, dass jedes Ding und jedes Lebewesen seine Bestimmung hat: Das Wasser fliesst hinunter, es kann das und darf das. Das ist ganz einfach. Aber wenn ein Erdrutsch ihm den Weg versperrt, kann es nicht mehr und darf es nicht mehr fliessen – jetzt muss es fliessen. Es hat seine Freiheit verloren, es ist im Zwang.  Auch beim Menschen ist es so: jedes Lebenssegment ist dazu da, dass es gelebt wird. Aber auch der Mensch sieht sich immer wieder vor Hindernissen, dann ist er im Zwang, entweder geht er dann auf Angriff – oder auf Flucht. Natürlich hat der Einzelne wenig Einfluss auf das ´Weltgeschehen und die Probleme in Europa. Aber es ist ihm aufgetragen, damit zurecht zu kommen, ohne dabei zugrunde zu gehen.

Sie glauben, dass jeder Mensch von Gott seine ganz spezifischen Gaben und Aufgaben bekommen hat, die er einlösen soll. Gefragt sei ein ganzheitliches Zu-sich-finden im Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln. Wie entdecke ich, welche «Mischung» für mich die richtige passt?

Einerseits sind wir Individuen, andererseits gehört unsere Struktur einem Typ an. Es ist wie bei einem Skirennen: der Parcours ist vorgegeben (Typ), aber jeder Rennläufer fährt ihn auf seine eigene Weise (Individuum). Unser Verhalten ist deshalb immer eine Kombination von Vorgegebenem und Eigenem. Das gilt es zu ergründen. Jeder Mensch ist einmalig, es gibt keine Doubletten! Da wir uns selber aber oft nicht bewusst sind, auf welchem Parcours wir laufen, braucht es Hilfestellung ´von aussen´. Die frühen Mönche wussten, es geht nicht ohne ´geistliche Begleitung´.

Klostergründer Placidus und Sigismund

Können Sie dies vielleicht mit einem Beispiel erläutern?

Ich habe gegen 4000 Namen von Menschen in meiner Kartei, die ich individuell oder in Seminaren begleitet habe. Statt mehr oder weniger zufällige Beispiele zu nennen, skizziere ich ein paar generelle Herausforderungen: Wir tun nichts, ohne unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Nun gilt es herauszufinden, welches meine primären Bedürfnisse sind. Wir alle wären gerne das Ganze, sind aber immer nur Fragment. Goethe sagte in seiner Farblehre, ein Bild, das die drei Grundfarben Gelb, Rot, Blau in Intensität und Ausdehnung etwa gleichmässig enthält, ist harmonisch. Ist eine der Komponenten untervertreten, nennt er das Bild charakteristisch. Jeder Charakter ist also Fragment. Nun kommt es darauf an, meinen Charakter zu erkennen und die entsprechenden Ergänzungen anzustreben, die uns dem gewünschten Ganzen näher bringen. 

Was bedeutet dies - im Kontakt mit sich und anderen?

Da geht es zum Beispiel um drei Verhaltensweisen: sich öffnen – sich abgrenzen – Grenzen setzen. Es kann sehr hilfreich sein, wenn ich in der jeweiligen Situation darüber klar werde, welches ´Register´ mir zur Verfügung steht und welches meinen Energiefluss blockiert.

Oder ein anderes Beispiel: Unsere Leistungsgesellschaft hat uns dazu erzogen, perfekt zu sein, immer möglichst schnell zu machen, stark zu sein, uns anzustrengen, es allen recht zu machen. Welche dieser fünf Leistungsantreiber bestimmen mein Leben? Wenn ich perfekt sein muss, überfordere ich mich. Wenn ich immer möglichst schnell sein muss, meine ich, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu müssen und nenne es ´Multitasking´. Ich muss herausfinden, was mir gut tut. Auch da gilt: aus dem Zwang in die Freiheit.

 Sie sind ja nicht nur Theologe und Dozent, sondern leben in Disentis als christlicher Mönch nach benediktinischer Tradition. Was möchten Sie vom spezifisch Christlichen weitergeben?

 Der benediktinische Geist verlangt letztlich nur das Eine: wirklich Gott zu suchen. Dazu gebe es drei Kriterien, sagt die Regel des heiligen  Benedikt: Man soll darauf achten, ob einer Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen (RB 58, 7). Das tönt für unsere modernen Ohren nicht gerade attraktiv. P. Anselm Grün hat es aber übersetzt: es geht um die drei Fähigkeiten, die zur menschlichen Reife gehören: um die Emotionsfähigkeit, ohne die das Gebet nicht möglich ist – um die Beziehungsfähigkeit im hören (horchen) aufeinander – und um die Leistungsfähigkeit, sich in und für die Gemeinschaft einzusetzen.

In Disentis geben Sie seit vielen Jahren Führungsseminare: Was können Sie Managern mit auf den Weg geben?

Mir geht es nicht um Manager, sondern um Menschen – einige davon haben es mit Managementaufgaben zu tun. Es ist modisch geworden, für Führungs- und Managementfragen auch die Benediktsregel zu konsultieren. Ich komme von der Rhetorik und Sprecherziehung her, das gehörte zu meiner Ausbildung als Deutschlehrer und Schultheaterleiter. Ab 1987 hielt ich Rhetorikkurse. Aus der Rhetorik ist Kommunikationspsychologie geworden. Ab 1995 kamen Seminare im Bereich der Unternehmensführung dazu.

Sprechen ist die intimste Tätigkeit des Menschen, folglich auch die störungsanfälligste und verletzlichste. Wie nirgendwo sonst zeigt sich hier, wer ich wirklich bin. Leider bestehen zwischen dem, was ich zu sein meine, und dem, was ich wirklich bin, oft recht grosse Unterschiede. Diesen Widersprüchen auf die Schliche zu kommen, ist meine ´Arbeit´ mit Menschen. Es geht dabei nie um ´Technik´ oder ´Tricks´, sondern immer um ein Bewusstmachen dessen, was ich wirklich bin.

Das lehren Sie in Kursen...

Ja. Ich gebe auch Exerzitien und Seminare für Klostergemeinschaften und für junge Erwachsene. In den Einzelkonsultationen habe ich es mit verschiedensten Anliegen zu tun: mit persönlichen Belastungen im Berufsleben, in der Schule, im Sport, in Beziehungen, im Umgang mit Krankheiten. Im Verlaufe der Zeit habe ich verschiedene Methoden kennengelernt und ein Netzwerk von Therapeutinnen, insbesondere aber auch einen geistlichen Freund gefunden. Das wichtigste Instrument für mich ist die Psycho-Kinesiologie geworden. Und die Typenlehre des Enneagramms dient zur Triage. Ich wende psychologische Methoden an und weiss doch, dass das Gelingen Geschenk Gottes ist.

Und wenn Sie irgendwann einmal vor der Himmelstüre stehen, was möchten Sie mit einem Blick zurück auf die Erde den Leuten noch in Kurzform zurufen?

Lasst euch neugierig, vertrauensvoll und dankbar auf das Leben ein. Versucht nicht, es in eure vorgefassten Konzepte zu zwingen. Nehmt vielmehr jeden Tag als Geschenk Gottes an, der uns liebt und uns auf unserem Weg begleitet. «Spiritualität heisst, das Wort einlösen, das Gott gesprochen hat, als er mich ins Leben rief».

Interview: Viviane Schwizer

zuletzt verändert: 27.11.2015 15:59