"Alle Religion ist erfahrungsbasiert"

Ein neues Buch lud ein zur Diskussion über die Thesen des Soziologen Hans Joas.
"Alle Religion ist erfahrungsbasiert"

Foto: Catherine Hauser

Welche Zukunftsmöglichkeiten stehen der christlichen Lehre in Europa offen? Hat Glaube angesichts gesellschaftlicher Vielfalt und religiösem Pluralismus überhaupt eine Chance? Dies sind Fragen, welche an einer Tagung mit dem Titel „Ohne Gott keine Moral?“ an der Paulus-Akademie im Februar 2014 im Fokus standen. Die Basis der Diskussion bildete Hans Joas’ Buch „Glaube als Option“. Sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Diskussion im Dialog mit Hans Joas fortgesetzt. Das Resultat der Auseinandersetzung ist jetzt in Buchform erschienen.

Die Thesen Hans Joas

Die Diskussion über Sinn und Zukunft vom Christentum in Europa wird durch zwei Thesen geprägt: Die Modernisierung der Gesellschaft führe notwendigerweise zu einer Säkularisierung, und eine Säkularisierung habe automatisch einen Moralverfall zur Folge. Beiden Thesen widerspricht Hans Joas entschieden und schlägt eine alternative historisch-soziologische Lesart der Modernisierung vor. Er hält daran fest, dass auch im scheinbar säkular geprägten Zeitalter die Bindung an moralische Werte über Selbsttranszendenz (d.h. die Begegnung mit einer mich übersteigenden Kraft) und über Rituale verläuft. Diese Erfahrungen stellen Religionen bereit. Allerdings sind es nicht nur Religionen, die solche Erfahrungen bereitstellen, gemäss Joas können diese auch von Nicht-Gläubigen gemacht werden, so zum Beispiel in der erotischen Erfahrung des Verliebens oder im Ergriffensein durch Musik, aber auch in der negativen Erfahrung von Gewalt und Ohnmacht.

Aus dieser Perspektive fragt Joas, inwiefern heute Religionen einen Ort der Selbsttranszendenz und damit Wertbindung bieten können. Gläubig zu sein, d. h. die Gewissheit zu haben, dass es Gott gibt, und in ihn sein Vertrauen zu setzen, ist heutzutage keine Notwendigkeit mehr, sondern ein Option neben weiteren: In dieser Pluralisierung und Säkularisierung sieht Hans Joas jedoch nicht die Gefahr eines Moralverfalls, sondern steht ihr durchaus positiv gegenüber.

Eine Brücke zur Praxis

An der Tagung diskutierten katholische und evangelisch-reformierte Seelsorgende sowie Wissenschaftler aus Theologie, Politikwissenschaft und Religionswissenschaft über die Bedeutung von Joas’ Thesen im Kontext von gesellschaftlichem Pluralismus, Globalisierung und Migration. Dies mit dem Ziel, eine Brücke zur Praxis zu schlagen. Der engagierte Dialog wurde nun in Buchform fortgesetzt. Das Buch umfasst Beiträge des Generalvikars Josef Annen und der reformierten Gemeindepfarrerin Esther Straub, des Politikwissenschaftler und Zeithistorikers Antonius Liedhegener, der Religionswissenschaftlerin und Ethnologin Eva Baumann-Neuhaus sowie den Theologen Christoph Amman, Georg Pfleiderer und Hanspeter Schmitt. Dass das Buch wirklich den Dialog fortsetzt, zeigt der letzte Beitrag: Hans Joas hat alle Beiträge vor Drucklegung gelesen und eine Replik darauf verfasst.

 

Herausgeberin Susanne Brauer

 

„Alle Religion ist erfahrungsbasiert: Im Gespräch mit Hans Joas“, herausgegeben von Susanne Brauer und erschienen im TVZ-Verlag, Edition NZN,  Schriftenreihe der Paulus-Akademie (2015) ist auch für Personen, welche  die Tagung nicht besucht und das Buch von Joas nicht gelesen haben, verständlich: Eine Einleitung ermöglicht, die Gedankengänge Joas’ nachzuvollziehen. Zu beziehen über den TVZ-Verlag oder bei der Buchhandlung Dr. von Matt.

zuletzt verändert: 14.04.2015 16:14
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