Funktionierende Ökumene statt Kontrastgesellschaft

Moderiert von Pfarrer Christoph Sigrist entspann sich am 11. Juli im Pfarreizentrum Liebfrauen, Zürich, eine lebhafte Disputation zwischen Kirchenratspräsident Michel Müller, Generalvikar Josef Annen, Nationalrätin Barbara Schmid-Federer und alt Kirchenrätin Irene Gysel. Sie debattierten, zum Teil mit den Teilnehmenden, über das Thema „Das spezielle Gesicht des Zürcher Katholizismus. Vom Aussenseiter zur politisch und gesellschaftlich anerkannten Religionsgemeinschaft.“
Funktionierende Ökumene statt Kontrastgesellschaft

Angeregte Disputation auf dem Podium. Foto: Simon Spengler

Nein, die Fetzen flogen nicht an der ersten Zürcher Disputation, wie Grossmünster-Pfarrer und Initiator Christoph Sigrist einleitend freudig in Aussicht gestellt hatte. Und er nahm auch gleich vorweg, welches denn das „spezielle Gesicht des Zürcher Katholizismus“ sei: Die reformierte und katholische Landeskirche verbinden zahlreiche, historisch gewachsene Ähnlichkeiten. „Wir sitzen im gleichen Boot.“

Reflexionen zur Ökumene

Trotzdem geriet die den reformatorischen Streitgesprächen von damals nachempfundene Auslegeordnung nicht zum langweiligen Austausch von Höflichkeiten. Im Gegenteil, ein angeregter, thematisch vielseitiger und profilierter Diskurs forderte die zahlreichen Teilnehmenden zur ökumenischen Reflexion und zum Mitwirken auf. Dafür sorgte Sigrists markige und lebendige Moderation. Dafür sorgten aber auch die pointierten Voten der Podiumsgäste und nicht zuletzt die Einwürfe des Publikums.

So plädierte etwa alt Kirchenrätin Irene Gysel für etwas ganz Konkretes: "Ich wünsche mir einen monatlichen liturgisch schön gestalteten ökumenischen Gottesdienst mit Elementen der katholischen Tradition und einer guten und kritischen Predigt. Der könnte zum Beispiel in der Sankt-Anna-Kapelle stattfinden, wo nach der Reformation die ersten katholischen Messen abgehalten werden durften." 

Alt-Kirchenrätin Irène GyselSie selber pflege viele bereichernde Kontakte mit ihren katholischen Schwestern und Brüdern und möge die katholischen Liturgien, bekannte sie. In ihrem Bestreben nach ökumenischer Gemeinschaft habe sie sogar einst mit Gleichgesinnten eine Doppelmitgliedschaft angestrebt, allerdings vergeblich. Die Trennlinie zwischen den Konfessionen ziehe sie beim katholischen Zwang zu Dogmen wie etwa der leiblichen Auferstehung Jesu, bekannte Gysel.

Selbst dieses pointierte Bekenntnis brachte die Gästerunde nicht aus dem Takt. Generalvikar Josef Annen, aufgewachsen im schwyzerischen Küssnacht, erinnerte an Karl Rahners Metapher von den Dogmen als Strassenlaternen, die in der Nacht den Irrenden den Weg weisen, an die sich jedoch nur Betrunkene klammern müssten. Er betonte den gemeinsamen Auftrag angesichts der wachsenden Probleme einer säkularisierten Gesellschaft. Gleichzeitig bezeichnete er die katholische Kirche als anschaulicher, da stärker an schöpfungsspezifischen Gegenständen und deren immanenten Transzendenz orientiert. Seine Kirche denke sich von Weihnachten her, während die Reformierten sich an Pfingsten orientierten, lautete seine These. 

Generalvikar Josef Annen.

„Josef ist reformierter, als er meint“, konterte Michel Müller, der Annens Unterscheidungskriterium theologisch hinterfragte. Nach wie vor exkommuniziere die katholische Kirche Personen, die sich nicht an die Dogmen hielten, gab er zu bedenken. Was der Kirchenratspräsident bedauert: Die Katholiken seien in eine Weltkirche eingebunden, derweil den eng mit dem Staat verknüpften Zürcher Reformierten eine überkantonale Identität fehle.

 „Immer mehr Ähnlichkeiten“

Die enge Bindung zwischen reformierter Kirche und Staat prägte einst Nationalrätin Barbara Schmid-Federer, die sich als Katholikin vom Zürichberg in ihrer Stadt stets in der Minderheit fühlte. In Männedorf werde die Ökumene nun vorbildlich gelebt, freute sie sich. "Dennoch, bis heute bleiben ich oder auch mein Mann, ebenfalls politisch aktiv, in vielen Zürcher Strukturen Aussenseiter", konstatierte Federer zudem. 

Barbara Schmid-FedererWas die Zürcher Katholiken auszeichne, sei ihre politische Diskrepanz gegenüber dem Churer Bischof. „Zudem sind wir nüchterner im Gottesdienst und kennen keine Prozessionen.“ Die CVP-Nationalrätin stellt auch angesichts der Anliegen feministischer reformierter Gruppierungen „immer mehr Ähnlichkeiten“ zwischen den beiden Konfessionen fest. Allerdings, so hielt die Runde fest, kennen die Zürcher Reformierten die Frauenordination bereits seit 1918, derweil die Zürcher Katholiken diese Frage nicht autonom handhaben können. 

Mehr Kerzen - mehr katholisch?

Im zweiten Teil der Disputation forderte Moderator Sigrist das Publikum zum Mitdisputieren auf - und dieses kam der Aufforderung nach. „Ist die reformierte Kirche im Vergleich zu Zwinglis Zeit katholischer geworden?“, lautete eine Frage. Ja, indem sie beispielsweise mit der Verwendung von Kerzen im Gottesdienst stärker die Sinne anspreche, und nein, indem sie nach wie vor wenig eingebunden sei in die Weltgemeinschaft, antwortete Michel Müller.

Der reformierte Kirchenratspräsident Michel Müller

Ist umgekehrt die katholische Kirche reformierter geworden? Tatsächlich sehe sie sich in einem permanenten Erneuerungsprozess, wie Generalvikar Annen betonte. Zudem seien die Reformierten in Wittenberg eben der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ beigetreten, die ein zentrales Dokument der ökumenischen Bewegung sei. Dies vertiefe die gegenseitige Verbundenheit. 

Die Vielfalt der Migrationsgemeinden

Ein Teilnehmer wies darauf hin, dass heute ein Drittel der Zürcher Katholiken zu Migrationsgemeinden gehört. Ihre Mitglieder leben oft in „Parallelwelten“ und sozialisieren sich zuerst in ihren Kirchgemeinden. Dabei bringen sie aus ihren Heimatländern ihr besonderes Brauchtum mit und feiern in Zürich etwa ihre portugiesische Fatima-Prozession. "Mit Blick auf die Brüder und Schwestern der neuen Migrantengemeinden müssen wir uns schon fragen, ob wir nicht einige Kirchengebäude an sie übergeben könnten. Wir haben ja so viele." Diese Migrationsgemeinden verbinde viel Gemeinsames, derweil ihre reformierten Pendants sehr heterogen seien, bedauerte Müller. „Wir Reformierten werden zur Minderheit im eigenen Land“, warnte er. Barbara Schmid-Federer entgegnete, dies könne angesichts der zunehmenden Entkirchlichung beiden Konfessionen passieren.

 

In seinem Schlusswort nahm Christoph Sigrist den Wunsch nach regelmässigen ökumenischen Gottesdiensten als Konkretion dieses ökumenischen Brückenschlags auf und regte an, den katholischen Gemeinden wo möglich ungenutzte Kirchenräume zur Verfügung zu stellen. Während Müller zum ökumenischen Austausch unter Pfarrpersonen und Seelsorgenden ermutigte, fragte Schmid-Federer, ob nicht zu wenig darin investiert werde, den Glauben gerade auch der jungen Generation weiterzugeben. Schliesslich rief Generalvikar Annen dazu auf, das Wertvolle der anderen Konfession zu entdecken und angesichts der Herausforderungen des nachkonfessionellen Zeitalters von der Kraft des Glaubens Zeugnis abzulegen.

2. Zürcher Disputation zum Thema „Heilige“

Montag, 20. November 2017, 18.30 Uhr, Helferei Zürich 

Gäste: Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr

Schriftsteller Pedro Lenz („Der Goalie bin ig“) 

Text: Madeleine Stäubli-Roduner

Fotos: Simon Spengler 

zuletzt verändert: 18.07.2017 09:25